Was zählt bei der Wahl einer Aktie? Kühles Kalkül, keine Frage. Doch ein Trip zur Hauptversammlung bringt oft genug auch einen Schuss Emotionen ins Spiel.
Was Woodstock für die Hippies war, was Bayreuth immer noch für Wagner Liebhaber ist, das ist – oder war? – Omaha für die Aktionärswelt: ein Wallfahrtsort. Schließlich ist diese amerikanische Stadt am Missouri alljährlicher Schauplatz der Hauptversammlung von Berkshire Hathaway, dem von Warren Buffett gegründeten Konglomerat. Ob der Kultstatus des Events in seiner weltweiten Strahlkraft erhalten bleibt, ist allerdings noch nicht abzuschätzen, denn im vergangenen Jahr lieferte die Legendengestalt Buffett dort seinen letzten Auftritt als Chef der Beteiligungsgesellschaft. Mit 95 Jahren und einer gigantischen Lebensleistung im Rückblick kann man sich ja tatsächlich allmählich zur Ruhe setzen.
Abgesehen von diesem Abgang ist die „Eintrittskarte“ für die Veranstaltung nicht eben mal so nebenbei erworben – zumindest notieren die Class A Aktien von Berkshire Hathaway deutlich über 600 000 Euro. Immerhin haben Besuche von Hauptversammlungen von Aktiengesellschaften auch ohne Fernreisen durchaus ihren Reiz, und der erschöpft sich keineswegs in den Imbissen, die dort den Aktionären gereicht werden. Nein, Bezüge und Beziehungen, die so vor Ort zwischen Anleger und Unternehmen gefestigt oder im ungünstigen Fall auch infrage gestellt werden, bilden einen belebenden Kontrast zum passiven Investieren in börsengehandelte Indexfonds. Anders als in dieser stocknüchternen Welt zeigt sich hier oft genug vor Ort: Die Seele investiert ja mit und das teilweise auch monetär ausgesprochen erfolgreich.
Dass der Investor nicht nur mit kühler Berechnung, sondern auch mit einer kleinen Zugabe an Emotionen ans Werk geht, gilt in unseren Zeiten fast schon als anrüchig. Nicht umsonst hat sich mit der „Behavioral Finance“ ein wichtiges Forschungsgebiet mit den Tücken unseres Innenlebens befasst und in Versuchsreihen und Analysen herausgearbeitet, welche psychischen Fallstricke beim Agieren in Finanzdingen drohen – tatsächlich nicht eben wenige. Und natürlich soll hier jetzt auch kein Loblied auf Gefühlsduselei gesungen werden. Ganz im Gegenteil: Die Ratio sollte selbstverständlich den Ausschlag beim Investieren geben. Und das dürfte beispielsweise auch bei der überwältigenden Mehrzahl der Aktionäre von Berkshire Hathaway der Fall gewesen sein. Auch 2026 sind wieder Zehntausende von ihnen zum „Woodstock des Kapitalismus“ nach Omaha gereist. Alle anderen konnten die Veranstaltung live auf CNBC verfolgen, als Pendant zur Reisedokumentation quasi.
Keine Frage, seit dem Siegeszug des Internets hat das Investieren an sinnlichen Qualitäten verloren, Bits und Bytes ersetzen den Anteilsschein, der tatsächlich noch ein Schein war, den man sich auf Wunsch auch an die Wand hängen konnte. Börsianer, die noch ihren Auftritt mit Geschrei und großer Gestik auf dem Börsenparkett abliefern, sind Randerscheinungen von geradezu folkloristischer Qualität geworden. Selbst Hauptversammlungen werden besonders seit der Corona Pandemie zunehmend zu Online Veranstaltungen. Schade einerseits. Andererseits sollten nostalgische Emotionen nicht den klaren Blick auf die Vorteile der zeitgemäßen Nüchternheit verschleiern.
Und diese Vorteile liegen auf der Hand: Effizienz, Transparenz, Geschwindigkeit. Und dabei geht es um Vorteile, die sich unbestreitbar für den Investor auszahlen. Nicht zu vergessen ist auch ein weiterer Pluspunkt, die Demokratisierung des Kapitalmarkts. Der leichte Zugang, den die digitale Ära mit sich gebracht hat, kostengünstige Finanzprodukte mit abgefedertem Risiko, speziellen Themen und Ausrichtungen sind und waren Türöffner für eine große Zahl auch junger Menschen – unter den Bedingungen der „guten alten“ analogen Zeiten haben nur wenige von ihren Altersgenossen den Weg an die Börse gefunden. Und gerade angesichts der demografischen Entwicklung ist es doch zu begrüßen, dass die Barrieren für den Börsenzugang gefallen sind.
Und doch: In Zeiten der digitalen Verwahrung, in denen der Aktionär seine Aktien nie buchstäblich zu fassen bekommt, hat es schon eine gewisse Qualität, altmodisch analog eine Jahreshauptversammlung zu besuchen. Zumindest, falls man die Zeit findet, das Interesse aufbringt … und solange diese Veranstaltungen nicht allesamt auch zu Online Phänomenen geworden sind. Nur sollte man bei DAX Unternehmen nicht unbedingt die gewitzten Show Qualitäten mit Tiefgang erwarten, für die Warren Buffett über Jahrzehnte stand.
Alles in allem von unserer Seite der spezielle Akzent zum Thema Reisen: „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“ – und das vielleicht als Aktionär vom Besuch einer Hauptversammlung.
Anlagestrategie
Chancen nutzen – Resilienz leben
Ein ungewisser Rahmen
Wohlwissend, dass die Iran-Krise weiter anhält und damit die Prognosesicht extrem einschränkt, ist bereits heute erkennbar, dass sich das konjunkturelle Bild im Vergleich zu unserem Jahresausblick spürbar verschlechtert hat. Neben den direkten Effekten wie gestiegene Energiepreise, Lieferkettenstörungen und daraus resultierende angezogene Inflationsraten wird vor allem die erhöhte Unsicherheit das Wirtschaftswachstum im Jahr 2026 belasten. Umso erstaunlicher, dass trotz der aufziehenden schwarzen Wolken an den Aktienmärkten bislang weiterhin Mikro vor Makro gilt und sich der Unternehmenssektor als wenig verwundbar gezeigt hat. Wir gehen davon aus, dass die Dauer und die Intensität des Iran-Konfliktes für die weitere Entwicklung entscheidend sein werden.
Lesen Sie hier unsere Ausarbeitung.
Eine Einordnung und Beschreibung möglicher Auswirkungen auf die Vermögensstruktur.
Am 28.2.2026 haben die USA gemeinsam mit Israel Luftschläge gegen den Iran durchgeführt. Betroffen ist auch die Handelsstraße von Hormus, über die rund 20 bis 25 % der globalen Öl- und Flüssiggasexporte transportiert werden. Seitdem ist die Passage – Stand 11.3.2026 – praktisch blockiert.
In unserer digitalen Veranstaltung am 9.3.2026 haben wir erläutert, was Anlegerinnen und Anleger in dieser Situation wissen müssen.
Schauen Sie sich hier die Aufzeichnung an.
In rund 30 Minuten erhalten Sie:
• unsere volkswirtschaftliche Einordnung der aktuellen geopolitischen Lage
• eine Analyse der Auswirkungen auf die Finanzmärkte
• Überlegungen zur Anpassung Ihrer Vermögensstruktur
Präsentation als PDF-Dokument
Ob infolge des sogenannten „Liberation Day“ im April 2025 oder in der Eskalation im Nahen Osten Ende Februar bzw. Anfang März 2026: Phasen der Verunsicherung kehren immer wieder zurück, Aktienmärkte fallen dann in der Regel, weisen aber langfristig eine positive Tendenz auf. Warum sich Wandelanleihen als resiliente Anlageklasse in dieser Gemengelage eignen und warum sich Aktie und Anleihe sehr gut ergänzen können, erfahren Sie hier.
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„Wetten“? Sind nicht meinen Sache.“
Chef-Investmentstratege Bernd Schimmer und Volkswirt Korbinian Dress im Gespräch über die Rahmenbedingungen, mit denen es Investoren in absehbarer Zukunft wohl zu tun haben werden.
1827: Vor rund zehn Monaten haben wir uns zuletzt getroffen, um sich abzeichnende Entwicklungen des Jahres 2025 zu diskutieren. Diesmal kommen wir allerdings nicht im Dezember, sondern am Ende des dritten Quartals zusammen – ein bisschen früh für einen Ausblick auf das neue Jahr?
Bernd Schimmer: Ja und nein, aber in der Tat liegt unsere Strategie für das kommende Jahr noch nicht final vor. Allerdings hatte ich bei unserem letzten Gespräch darauf hingewiesen, dass Zwölf-Monats- Zeiträume zwar traditionell ins Auge gefasst werden, für Investoren aber kaum von Belang sein sollte, wie die Kurse am letzten Handelstag eines Jahres stehen – für sie zählen andere Zeiträume.
1827: Und tatsächlich kommen aktuell ja auch Dynamiken in den Volkswirtschaften und auf den Kapitalmärkten zum Tragen, die weit über ein Jahr hinaus wirken werden.
Bernd Schimmer: Ja, dabei geht es um Themen, die uns nicht nur morgen, sondern auch übermorgen beschäftigen werden, und wir wissen alle, dass die Geopolitik keine Rücksicht auf die Zeitpunkte der Veröffentlichung eines Jahresausblicks nehmen wird. Außerdem können wir natürlich einen Blick zurück auf die vergangenen Monate werfen.
1827: Zum Ende des vergangenen Jahres hatten Sie zu einer robusten Aufstellung des Portfolios aufgerufen.
Bernd Schimmer: Insbesondere junge Anlegerinnen und Anleger, aber auch junge Kollegen von mir sind mittlerweile stark auf Aktien und Krypto-Werte fokussiert. Und die Losung „Buy the Dip“, „Schlag zu, wenn es eine Korrektur der Aktienkurse gibt“, scheint nicht nur eine Option zu sein, sondern die maßgebliche Maxime. Dabei haben sie die scharfe Reaktion der Märkte auf Donald Trumps Ankündigung exzessiver Zölle im Sinn, die im April dieses Jahres unvermittelt einsetzte … und zügig von einem sehr freundlichen Aufwärtskurs überkompensiert wurde. Bestätigung findet die Erwartung von Turboerholungen auch mit dem massiven Kurseinbruch infolge von Covid im Februar 2020, auf den schnell und von vielen Marktteilnehmern unerwartet eine kräftige Erholung folgte.
1827: Die Zeit heilt alle Wunden? Und zwar im Expresstempo?
Bernd Schimmer: Das könnte man meinen, wenn die Erfahrungen und Statistiken nur kurz zurückreichen. Aber nachdem Ende 2000 die Dotcom-Blase platzte, dauerte es inklusive der Finanzkrise 2007 tatsächlich 13 Jahre, bis der MSCI World als Index, der die Börsenkurse der entwickelten Volkswirtschaften erfasst, alte Höchststände wieder erreicht hatte – für Anleger, die zwischenzeitlich aus welchen Gründen auch immer nennenswerten Geldbedarf entwickelten, eine zu lange Durststrecke. Somit Heilung ja, aber nicht im Express- Modus.*
1827: Womit wir zurück bei der robusten Aufstellung wären.
Bernd Schimmer: Genau da. Hat man es nur mit kurzen Rücksetzern zu tun, ist besagte Strategie Buy the Dip sehr renditeträchtig. Doch es gab jahrelange Durststrecken und denen begegnet man mit einer soliden, einer robusten Vermögensstruktur. Zugegeben: Im Jahr 2025 hätte ich aus Renditeaspekten auf Anleihen verzichten können, aber auf Gold zum Beispiel nicht.
Korbinian Dress: Und doch ist der deutliche Hinweis angebracht – nicht nur darauf, dass es Korrekturen gibt, sondern auch darauf, dass die Dauer solcher Phasen sehr unterschiedlich ausfallen kann. Viele Anleger haben die letzte ausgedehnte dieser Korrekturphasen noch gar nicht bewusst erlebt, bei anderen ist sie schon in Vergessenheit geraten, der Beginn der Finanzkrise liegt ja fast schon zwei Jahrzehnte zurück. Und da macht sich Einseitigkeit breit: Alles auf Aktien! Vielleicht noch ein bisschen auf Gold oder Krypto …
1827: Wobei das Investment-Umfeld in unseren Tagen nicht gerade besonders vertrauenserweckend ist. Korbinian Dress: Damit sind wir beim nächsten Thema und auch wieder bei einem Anglizismus angekommen. „Debasement“, drohende Geldentwertung angesichts der überbordenden Staatsschulden der entwickelten Volkswirtschaften. Wie stabil ist der US-Dollar als internationale Leitwährung, wie stabil aufgestellt sind die Staaten mit ihren Finanzen? Und da ergeben sich auch schon bis zu einem gewissen Grad Fragen hinsichtlich der Qualität von Staatsanleihen als sehr „sicherem Hafen“.
Bernd Schimmer: Und unter solchen Bedingungen wird die Portfolio- Optimierung natürlich nicht eben einfacher. Bisher sind wir davon ausgegangen, dass es nur wenige sichere Anlagen gibt, allen voran die amerikanische Staatsanleihe … und dann noch die Bundesanleihen. Falls ich jetzt wirklich die unbedingte Sicherheit dieser Bausteine leise anzweifele, dann stellt sich die Frage, was die Rolle des Sicherheitsankers ergänzen kann. Da kommen etwa Pfandbriefe in den Sinn, denn sie zeichnen sich ja dadurch aus, dass sie eine zusätzliche Deckung aufweisen – hinter dem Versprechen der Zins- und Rückzahlung stehen Sachwerte. Ein renditestarker Emittent und Immobilienvermögen bürgen für Sicherheit – schon immer. Viele Demokratien, Industriestaaten von gestern ächzen unter sehr hohen Anforderungen, während sie wirtschaftlich in schwacher Verfassung sind. Innenpolitische Zerwürfnisse oder das Fehlen klarer Mehrheitsverhältnisse tragen oft genug das Ihrige dazu bei, dass solche Probleme sich verfestigen.
1827: Und angesichts der sich auf Seite der Staaten auftürmenden Defizite und der sich androhenden Währungserweichung setzen Sie verstärkt auf Pfandbriefe statt auf Staatsanleihen.
Bernd Schimmer: Das wäre schon etwas zu scharf formuliert. Wir setzen auf alles, was zu unserem Ziel einer gesunden und zeitgemäßen Streuung beiträgt, und dazu gehören auch Unternehmensanleihen mit überzeugenden Bonitätsnoten. Anpassungsfähigkeit ist in der DNA von Unternehmen angelegt, während staatliche Strukturen sich da schwerer tun – das demonstriert das Ausbleiben von echten Reformen. Aber am Ende ist eben der Staat auch immer der Staat, mit allen Möglichkeiten, wie sie eben die USA oder auch die Bundesrepublik haben. In Zeiten des Umbruchs kommt viel auf Manövrierfähigkeit an. Sicher, der US-Dollar wird noch über Jahre Leitwährung bleiben, aber die Zeiten der amerikanischen Hegemonie scheinen sich zu verändern.
1827: Aber lassen Sie uns noch einmal einen Blick zurück werfen: Wie richtig haben Sie im Dezember 2024 mit Ihrem Ausblick auf das kommende Jahr gelegen?
Bernd Schimmer: Fangen wir mit den wirklich positiven Punkten an. Wir lagen mit den volkswirtschaftlichen Ableitungen recht gut, wir haben den Rentenmarkt sowohl mit der kurzen als auch der langen Seite auch gut im Griff gehabt. Selbstkritisch anmerken muss ich allerdings, dass wir den US-Dollar zumindest auf Sicht 2025 nicht richtig eingeschätzt haben – wir sind davon ausgegangen, dass Donald Trump klar die Förderung der Wirtschaft in den Vordergrund stellen würde. Dass ihm ideologische Aspekte und seine Zollpolitik wichtiger sind und er dafür eine scharfe Korrektur am Aktienmarkt in Kauf nehmen würde, hatten wir nicht erwartet. Auch hätten wir es nicht für möglich gehalten, dass er die US-Notenbank und deren Chef Jerome Powell in solcher Schärfe kritisieren würde. Der daraus resultierende Vertrauensverlust erklärt die Dollar-Schwäche – die wir in dieser Intensität schlicht nicht antizipiert hatten. Ergänzend sei hier erwähnt, dass das Phänomen der langfristigen De-Dollarisierung sowohl in unseren Ausarbeitungen als auch in der Strategie bereits ein zentrales Thema war.
1827: Und beim Blick in die Zukunft?
Bernd Schimmer: … müssen wir konstatieren, dass der Dollar nach anerkannten ökonomischen Berechnungsmethoden immer noch einer Überbewertung unterliegt. Wenn die Bewertung also zum einen ökonomisch fundiert und zum anderen von der derzeitigen US-Regierung gewollt sich in diese Richtung bewegt, muss damit gerechnet werden, dass es zu einer fortgesetzten (kontrollierten) Dollar-Abwertung kommt. Und das sollte uns darüber nachdenken lassen, die starke Abhängigkeit von US-Dollar-Positionen, wie sie zum Beispiel im MSCI World besteht, etwas zu reduzieren.
1827: Wobei ein Rückzug der Welt vom Dollar nicht erst unter Präsident Trump eingesetzt hat.
Bernd Schimmer: Nein, als schleichenden Prozess gibt es ihn schon seit einigen Jahren, der Grund ist das Emanzipationsbestreben des sogenannten Globalen Südens, dieser Prozess hat sich in den vergangenen Monaten allerdings beschleunigt und ist auch durch das Handeln der US-Administration vorangetrieben worden.
Korbinian Dress: Nicht zuletzt spiegelt eine Währung ja auch das Vertrauen in die Politik wider, und als Ökonom muss ich zugeben, dass ich meine Zweifel habe, wenn ich registriere, dass Unternehmen seitens der amerikanischen Regierung teils exzessive Einzelbehandlungen erfahren und damit einheitliche Rahmenbedingungen untergraben werden. Wenn es heißt, es werden jetzt zehn oder 15 Prozent Einfuhrzölle auf gewisse Produkte erhoben, dann kann man als Freund der Globalisierung darüber vielleicht nicht eben glücklich sein – aber es lässt sich damit leben, eben weil es um einheitliche Rahmenbedingungen geht, die für alle Hersteller dieser Produkte gelten. Anders sieht es aus, wenn einzelne Unternehmen „Deals“ mit der Administration aushandeln können, um von solchen generellen Regeln Ausnahmen zu erzielen.
1827: So wie es beispielsweise Apple geschafft hat.
Korbinian Dress: Einheitliche Rahmenbedingungen sind nun einmal die Voraussetzung für fairen Wettbewerb. Apple, Microsoft, Alphabet … all diese Giganten haben einmal klein angefangen. Aber so, wie das Spiel jetzt läuft, schützt es die Großen und hindert die Newcomer daran, ihr Wachstumspotenzial zu entfalten. Bisher konnte die Wirtschaft der USA dieser Dynamik aufstrebender junger Unternehmen immer Raum geben.
Bernd Schimmer: Wir haben es in China erlebt, wie Unternehmen in die Zange genommen wurden, Sondersteuern verhängt wurden. Wenn solche Formen von direktem Staatseinfluss jetzt zumindest partiell in den USA praktiziert werden, wird damit ein Stück weit einem sehr erfolgreichen System abgeschworen.
1827: Immerhin ein System, das der Künstlichen Intelligenz als Nährboden gedient hat und dient.
Bernd Schimmer: In der Tat. Und allgemeiner Konsens ist, dass die KI zu enormen Produktivitätsschüben führen wird. Vieles an Dienstleistungen, die heute noch maßgeblich von Menschen ausgeführt werden, wird bald schon durch Maschinen erbracht oder auf einem anderen Niveau unterstützt. Unbestritten ist allerdings auch, dass heute unfassbare Summen in diese Zukunftstechnologie investiert werden – und wie weit diese Investitionen jemals zu einem positiven Cashflow führen werden, ist keineswegs ausgemacht. Es herrscht eine Verfolgungsjagd unter den beteiligten Unternehmen: Jedes ist getrieben von der Sorge, abgehängt zu werden beim Wettbewerb um die Spitzenplätze, abgestraft zu werden an der Börse, weil andere schneller sind, noch mehr investieren. Doch die Sinnhaftigkeit dieser Investitionen ist keineswegs ausgemacht, das ist von den großen Spielern auch selbst zu hören.
1827: Wenn sich irgendwann herausstellt, dass sich dieses enorme Maß an Investitionen nicht in Erträge ummünzen lässt …
Bernd Schimmer: … dann kommt es zu einer Anpassung an die Realität. Wir nennen diese Phase dann „Korrektur“, die sich auch „nur“ auf Einzelwerte beschränken kann. Ich will damit sagen, dass es schon fast untypisch wäre, dass die heutigen Stars auch die von übermorgen sein werden.
Korbinian Dress: Die Erträge, die am Ende generiert werden, sind wahrscheinlich geringer oder aber höher als heute erwartet. Es zeigt sich, dass die Möglichkeiten neuer Technologien häufig kurzfristig überschätzt und langfristig unterschätzt werden. Ziehen wir – mit aller Vorsicht – eine Parallele zur Dotcom-Blase: Vieles von dem, was man vor deren Platzen im Jahr 2000 erhofft hatte, war dann keine zehn Jahre später ja doch möglich. Oder mehr als das: 2007 kam ja Apples iPhone – und wer hätte sich erträumt, was für ein Innovationssprung damit gemacht wurde.
1827: Technische Revolutionen sind nun einmal Abenteuer.
Bernd Schimmer: Und als solche naturgemäß für Überraschungen gut. Ich erinnere mich an Diskussionen an der Schwelle zum neuen Jahrtausend und die Frage: Welche Penetration – Durchdringungsrate in der Nutzung – ist für Mobilfunk möglich? Ja, hieß es damals, wenn diese Technik rasante Fortschritte macht, wenn Nutzungskosten deutlich sinken, dann wäre schon vorstellbar, dass irgendwann jeder Dritte Europäer ein Mobiltelefon besitzen wird.
1827: Die damaligen Hoffnungen sind dann ja recht zügig übertroffen worden.
Bernd Schimmer: Aufgrund solcher Erfahrungen werde ich mich auch hüten, heute mit dem Brustton der Überzeugung zu verkünden, dass die enormen Summen, die in die Künstliche Intelligenz fließen, Überinvestitionen sind. Hier stehen noch viele Fragezeichen im Raum, als Investor sollte ich aber darauf gefasst sein, dass der Markt Anpassungen vornehmen wird.
1827: Ich sollte weder in einen Begeisterungstaumel verfallen, noch in vorgezogenen Katzenjammer?
Bernd Schimmer: Wie so oft bei stürmischen, nicht in ihren Zukunftschancen und -risiken auslotbaren Entwicklungen empfiehlt es sich für den Investor, Maß und Vernunft walten zu lassen. Der Finanzmarkt bietet heute wirklich sehr effiziente Lösungen, um an Themen und strukturellen Trends zu partizipieren. Die Alternative wäre eine Wette. Nicht meine Sache.
1827: Hier klingt die Stimme der Vernunft an – perfekt für ein Schlusswort.
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Was tun, wenn Werte wie Kurs-Gewinn-Verhältnis und Kurs-Buchwert-Verhältnis über dem historischen Durchschnitt liegen? Wird die Luft auf den Aktienmärkten allmählich dünn? Und wie wäre es da mit alternativen Wertanlagen, Kunstwerken zum Beispiel?
Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst“, befand Friedrich von Schiller. Zumindest dem ersten Teil dieses Statements ist man heute geneigt zuzustimmen – Handelskriege, Zoll-Attacken bisher unbekannter Heftigkeit und Unberechenbarkeit, überbordende Staatsschulden, dazu geopolitische Verwerfungen … Das aktuelle ökonomische und politische Szenario ist eher für eine ernste Gemütsverfassung gut.
Und der anhaltende Anstieg der Aktienkurse im Bereich der Künstlichen Intelligenz, taugt der als Stimmungsaufheller für Investoren? Oder steigert er das mulmige Gefühl noch weiter? Sind wir schon im Bereich der Übertreibung angekommen, bahnt sich vielleicht bereits ein Rücksetzer an? Was stellt diese KI mit mir persönlich und der Menschheit im Allgemeinen an?
Mancher mag da auf den Gedanken kommen, einen Teil des Anlagekapitals lieber auf die laut Schiller heitere Seite zu verlegen. Investieren lässt sich schließlich nicht nur auf dem Kapitalmarkt, in Immobilien, in Gold, sondern auch in Kunstwerke. Hätte man doch zum Beispiel das eine oder andere Gemälde aus Gerhard Richters Frühwerk erstanden! Der Künstler selbst ist schließlich nicht nur in Hinblick auf künstlerische, sondern auch auf finanzielle Wertschöpfung eine herausragende Erscheinung: Das Manager Magazin taxierte sein Vermögen schon im Jahr 2019 auf 700 Millionen Euro. Ein Kunstkäufer, der zur rechten Zeit aktiv geworden wäre, hätte gewissermaßen zum Teilhaber des Aufstiegs werden können. Aber auch mit Neo Rauch hätte er keinen schlechten Griff getan, natürlich besonders vor der Ausstellung von dessen Gemälden im New Yorker Metropolitan Museum of Art im Jahr 2007 …
Oder handelt es sich bei solchen Überlegungen nur um typische Beispiele einer Selbsttäuschung, die in der Finanzwirtschaft als „Hindsight Bias“ firmiert? Verzerrte Sicht in der Rückschau eben, wobei sich der Anglizismus auch treffend salopp übersetzen lässt: Hinterher ist man immer schlauer. Nur: Wer kennt heute den Gerhard Richter von übermorgen, kann das künstlerische Potenzial dieses Unbekannten ermessen und seine Chancen auf dem internationalen Kunstmarkt?
Solches Gespür scheint jedenfalls nicht allzu weit verbreitet zu sein. Im Jahr 2013 erlaubte sich etwa der auf Auktionen hoch gehandelte britische Künstler Banksy den Spaß, an einem Stand im New Yorker Central Park handsignierte Originale zu verkaufen – zum Schleuderpreis von 60 US-Dollar. Vier Stunden, so Banksy, habe es bis zum ersten Verkauf gedauert: „Eine Frau hat zwei kleine Leinwände für ihre Tochter gekauft, aber erst nachdem sie einen Preisnachlass von 50 Prozent herausgehandelt hat.“
Auch jenseits solch skurriler Vorkommnisse sind die Unterschiede zwischen Kunst- und Kapitalmarkt markant. An der Börse herrscht ein hohes Maß an Transparenz und Vergleichbarkeit, bei Aktien und Anleihen handelt es sich um serielle Einheiten, nicht um Unikate: Eine Siemens-Aktie mit einer bestimmten Wertpapierkennnummer ist wie die andere, der Kurs bestimmt sich durch Angebot und Nachfrage, sodass jeder Interessierte diese Preisbildung verfolgen kann. Bei der auf dem Kunstmarkt eröffnen sich dagegen so einige Manipulationsmöglichkeiten und die reichen im Extremfall bis zur Fälschung. Dass an einem der internationalen Wertpapierhandelsplätze getürkte Apple-Aktien oder nachgemachte Bundesobligationen den Besitzer gewechselt hätten, ist dagegen bisher nicht bekannt geworden.
Sicher, auch am Kapitalmarkt ist nicht alles Gold (und auch das haben wir allokiert), was glänzt, Ausnahmen wie die Wirecard AG als schwarzes Schaf im DAX und die Zusammenbrüche zahlreicher „Weltmarktführer“ in der Ära des Neuen Marktes bestätigen dennoch die Regel: Durch Diversifikation über Branchen und Weltgegenden ist es selbst jungen Privatanlegern am Anfang ihrer Laufbahn möglich, solche Ausfallrisiken einzelner Unternehmen auf homöopathisches Niveau zu entschärfen. Ein Kunstkäufer müsste dagegen für einen vergleichbaren Effekt schon auf einen Schlag den „kompletten“ Louvre oder wenigstens die Tate Gallery of Modern Art erstehen.
Keine Frage, der Erwerb von Kunstwerken kann sich sehr wohl auszahlen – vorrangig allerdings durch Kunstgenuss, nicht durch eine planbare Rendite. Beim strategischen Vermögensauf- und -ausbau ist der Faktor der Berechenbarkeit elementar, und der ist bei einem ausreichenden Zeithorizont und einer robusten Diversifikation über Anlageklassen am Kapitalmarkt recht ausgeprägt, das belegen zahllose finanzwissenschaftliche Studien. Was natürlich keineswegs bedeutet, dass sich die Entwicklungen am Aktienmarkt über kurze oder mittlere Zeitspannen kalkulieren ließen.
Macht sich bereits bei den Top-Titeln der Künstlichen Intelligenz eine gewisse Überhitzung bemerkbar? Vielleicht, vielleicht aber auch gerade nicht. Für uns ist diese Unentschiedenheit aber ein Grund, ihnen im Portfolio kein massives Übergewicht einzuräumen. Als sicher kann allerdings gelten, dass es sich beim Thema KI in der Breite der Volkswirtschaft nicht um eine Blase handelt, die sich demnächst mit einem vernehmlichen Plopp verabschiedet: zu ausgeprägt sind die Produktivitätsgewinne, die hier angelegt sind.
Allgemein soll der Erwerb von Unternehmensanteilen, Anleihen oder eine Investition in das gerade stark nachgefragte Gold zur eigenen Kapitalsteigerung führen. Schon hier besteht das Risiko, stattdessen Verluste einzufahren. Und Kunst?
Der Kauf von Kunst sollte zuallererst auf eines abzielen: Kunstgenuss. Wertsteigerung wäre hier eher willkommener Beifang. Aber wenn Finanzen im Vordergrund stehen, wäre ein Postulat des Künstlers Andy Warhol bedenkenswert: „Geld machen ist Kunst. Und arbeiten ist Kunst. Und gute Geschäfte machen ist die beste Kunst.“
Unsere Sicht auf die langfristige Kapitalmarktentwicklung
In einer Welt, in der kurzfristige Volatilität die Sicht trübt, werfen wir den Blick über den Horizont.
In unserem Secular Outlook filtern wir das tägliche Marktgeschehen heraus, um die tiefgreifenden, strukturellen Kräfte zu identifizieren, die das globale Anlageumfeld der nächsten zehn Jahre fundamental prägen könnten.
Wie beeinflussen ökonomische, politische und gesellschaftliche Umwälzungen die Entwicklung einzelner Anlageklassen? Welche strategischen Anpassungen sind unerlässlich, um die Geldanlage zukunftssicher zu machen?
Diese und weitere Fragen beantworten wir in unserer fundierten Analyse des langfristigen Anlageumfelds – und geben konkrete Empfehlungen für die strategische Vermögensallokation.
Lesen Sie jetzt den vollständigen Ausblick hier.
Ein auf den Sekundenbruchteil aktueller Kurs sagt mehr als tausend Worte – das mag schon sein, aber die alten Börsenzeiten, als Wertpapiere noch auf Zuruf den Besitzer wechselten, hatten ihre ganz eigene Kommunikationskultur.
Wenn es Themen gibt, über die möglicherweise nun wirklich schon alles gesagt worden ist, dann könnte „Kommunikation“ ziemlich prominent genannt werden. In meinem kleinen Beitrag geht es – wer hätte das gedacht – um eine sehr spezielle Sonderform der Kommunikation: Was ist Börse?
Lesen Sie hier die ganze Kolumne.
Immobilienmarkt: Leichte Zuversicht in einem sich wandelnden Markt
Nach der multifaktoriellen Stresskonstellation der vergangenen Jahre hatte kaum ein Marktteilnehmer mit einem schnellen Aufschwung an den Immobilienmärkten gerechnet.
Dass es aber etwa drei Jahre dauern würde, bis Investoren, Nutzer und Unternehmen wieder eine gewisse Planungssicherheit gewinnen würden, hatten wohl die wenigsten befürchtet.
Ein plötzlich sich entzündendes Feuerwerk an den Immobilieninvestmentmärkten werden wir wahrscheinlich jedoch auch im Jahr 2025 nicht sehen, und aus neutraler Sicht kann man sich einen moderaten Aufschwung nur wünschen – ohne Übertreibungen und unrealistische Fantasien.
Privatanleger sollten sich vom gegenwärtigen nachrichtenbasierten Pessimismus daher nicht übermäßig verunsichern lassen und sich stattdessen die wesentlichen Charakteristika und Entwicklungstendenzen dieser Anlageklasse vor Augen führen.
Die Details können Sie hier unserer aktuellen Sonderpublikation zum Thema Immobilienmärkte entnehmen. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!