Endspurt vor den US-Midterm Wahlen
Dem ersten Anschein nach war der Aktienmarkt in den letzten Monaten ohne klare Richtung und die Investoren schienen sich in einer Wartestellung zu befinden. Doch unter der Oberfläche gab es erhebliche Bewegungen. So ist der Blick auf KI nicht mehr bedingungslos optimistisch, sondern es wird zunehmend differenziert. Obwohl die aktuelle Berichtssaison grundsätzlich sehr positiv verläuft, waren einige gute Zahlen dem Markt schlicht nicht gut genug. Es geht nicht mehr nur darum, die Erwartungen zu schlagen, sondern auch darum, wie weit sie übertroffen werden und wie viel Potenzial der Ausblick noch bereithält. Der Markt dürfte also schwankungsintensiv bleiben. Die Kernfrage dabei: Können die Investitionen der Hyperscaler perspektivisch ausreichend Erträge generieren?
Der Nahostkonflikt ist weiterhin eine entscheidende Variable am Kapitalmarkt. Trotz diplomatischer Bemühungen hochrangiger Vertreter Saudi-Arabiens, Pakistans und der Türkei hat sich die Furcht vor einer militärischen Eskalation nach den US-Wahlen eher verstärkt. Der Ölpreis ist zeitweise auf über 115 US-Dollar pro Barrel Brent gestiegen. Noch dramatischer ist die Bewegung beim europäischen Gaspreis. Dieser lag mit 100 Euro pro MwH weit über den Werten von Beginn der Eskalation und auf dem Niveau von Dezember 2022. Dies stellt eine Belastung für die europäische Konjunktur dar und birgt das Risiko einer länger anhaltend erhöhten Inflation.
Die Notenbanken der USA und des Euroraums ließen ihre jeweiligen Leitzinsen unverändert. Die Ankündigung, dass es im nächsten Jahr weniger Fed-Sitzungen mit Zinsentscheiden geben soll, passt zu Kevin Warshs Linie. Auch die Bekanntgabe von Christine Lagardes vorzeitigem Rücktritt zum Februar statt Oktober 2027 kommt nicht gänzlich überraschend. Sie begründet diesen Schritt mit der Lage in ihrem Heimatland Frankreich. Dort kann das Defizit kaum auf 5 Prozent zurückgefahren werden und es gibt Massenproteste. Die Beibehaltung des Aa3 Ratings von Moody’s war erstaunlich, zeigt aber, dass man sich nicht zu sehr von tagesaktuellen Geschehnissen beeinflussen lassen sollte.
Wie geht es weiter?
In den anstehenden Tagen werden die BIP-Wachstumszahlen für das dritte Quartal in vielen Ländern veröffentlicht. Während die USA mit annualisiert 3,4 Prozent sehr stark vorlegten, könnte es in Deutschland aufgrund der Hitzewelle mit niedrigen Wasserpegeln und Dürren nur für eine Stagnation reichen. Außerdem werden die Inflationsraten der Euroländer publiziert. Der Konsens prognostiziert nur für Deutschland einen leichten Rückgang, der jedoch nur auf den temporären Tankrabatt zurückzuführen ist. Insgesamt scheint der Teuerungsdruck also vorerst weiter zuzunehmen.
Mit den US-Zwischenwahlen (Midterms) am kommenden Dienstag, den 3.11., steht ein wichtiges politisches Ereignis bevor. Sowohl die Demoskopen als auch die Prognosemärkte sehen es fast als ausgemachte Sache an, dass die Demokraten sich das Repräsentantenhaus zurückholen werden. Beim Senat sieht ihr Vorsprung etwas knapper aus. Umfragen zufolge droht den Republikanern in Staaten wie North Carolina, Alaska, Texas und Ohio eine Niederlage. Sollten diese Hochburgen tatsächlich verloren gehen, könnte der innerparteiliche Druck auf Trump deutlich steigen. Grundsätzlich sieht der Kapitalmarkt eine geteilte Regierung (Präsident und Kongressmehrheit gehören unterschiedlichen Parteien an) eher positiv, da die Pattsituation große Veränderungen unterbindet und Planungssicherheit schafft.
Wir bewerten es positiv, dass inzwischen mit einer gesunden Skepsis auf die Zahlen der wichtigsten KI-Akteure geschaut wird. Da wir grundsätzlich optimistisch für den weiteren Verlauf der Berichtssaison sind und eine Jahresendrallye für wahrscheinlich erachten, halten wir es für wichtig, im Technologiesektor engagiert zu sein. Ein Überraschungssieg der Republikaner könnte zusätzlich beleben, da der Markt derzeit einen Sieg der Demokraten – und damit mehr Regulierung und eine kritischere Haltung gegenüber Rechenzentren – antizipiert. Auch der Gesundheitssektor (Biotech, Medtech) birgt unserer Meinung nach asymmetrisches Aufwärtspotenzial. Zum Beispiel, wenn es unter den Demokraten zu weniger Leistungskürzungen kommen sollte. Diese Einschätzungen sind nicht als Aufforderung zur Wette auf den Wahlausgang zu verstehen, sondern sollen vielmehr verdeutlichen, dass eine breite und robuste Aufstellung essentiell ist, um nicht am Wahlabend negativ überrascht zu werden. Insbesondere, weil die Umfragen bei den letzten Urnengängen wenig verlässlich waren.