Differenziertes Bild
Grundsätzlich erhielten die Aktienmärkte in den vergangenen Tagen Rückenwind von der Weltpolitik: Auch wenn der US-Präsident am Wochenende zunächst mit neuen Zollankündigungen gegenüber Europa irritierte, sorgte das neue Friedensangebot an den Iran für starke positive Impulse an den Finanzmärkten. Die Investoren scheinen überzeugt zu sein, dass der US-Präsident aufgrund der hohen Unzufriedenheit der einheimischen Wähler mit der Verbraucherpreis-entwicklung, der Preis einer Gallone Benzin kletterte im Wochenverlauf im landesweiten Durchschnitt erstmals seit 2022 wieder über 4,50 US-Dollar, dringend eine Öffnung der Straße von Hormus benötigt. Daher wird letztendlich ein hohes Maß an Flexibilität bei der Haltung der US-Regierung vermutet.
Ein starker Treiber für die US-Aktienmärkte, der S&P 500 markierte jüngst ein neues Allzeithoch, bleibt die Berichtssaison. Hier befeuert die IT-Hardware-Industrie die Hausse: Alles, was für den Aufbau von Kapazitäten im Bereich KI benötigt wird, ist derzeit stark gefragt. Die Gewinndynamik hat deutlich zugenommen: Wurde zu Jahresbeginn noch ein Gewinnanstieg von 13 Prozent für den S&P 500 für das Gesamtjahr angenommen, sind es nun 25 Prozent. In Europa sieht es mit starken Divergenzen zwischen den Branchen und einer Verdoppelung der Gewinnerwartung auf Indexebene zwar ähnlich aus, allerdings auf ganz anderem, viel tieferem Niveau: Der Wert für den erwarten Gewinnanstieg ist, gemessen am MSCI Europe, lediglich von 2,6 auf 5,6 Prozent geklettert.
Während die US-Notenbank und die EZB die Leitzinsen vergangene Woche unverändert hielten, haben ihre Kollegen in Australien und Norwegen jetzt mit Zinsanhebungen auf anziehende Verbraucherpreise reagiert. Dies konnte die Stimmung aber nur kurz dämpfen.
Wie geht es weiter?
Die Euphorie an den Aktienmärkten basiert zwar auf einer kurzfristig sehr positiven Gewinndynamik einiger Branchen (IT, Energie), dem stehen aber auch Branchen gegenüber, die durch die höheren Energiepreise und die damit einhergehende Belastung der Verbraucher betroffen sein sollten (z. B. zyklischer Konsum). Der Deutsche Aktienindex (DAX) ist beispielsweise für ein eher zähes makroökonomisches Umfeld aus diesem Blickwinkel betrachtet schlecht aufgestellt. Hier ist die Gewinndynamik derzeit sogar negativ.
Als weiteres bleibt neben den geopolitischen Fragezeichen offen, was passiert, wenn sich die derzeit von der Mehrheit der Investoren erwarteten Leitzinsanhebungen tatsächlich konkretisieren sollten. Das Jahr 2022 könnte hier mit Blick auf die Aktienmärkte zur Vorsicht mahnen.
Wie sollten sich Anleger verhalten? Wir bleiben bei unserem Motto „Chancen nutzen – Resilienz leben“ und empfehlen eine breite Aufstellung. Mit Blick auf unsere fast erreichten Kursziele für den Deutschen Aktienindex verweisen wir nochmals auf die Notwendigkeit einer breiten Diversifikation über die unterschiedlichen Regionen. Anleger sollten Chancen in sehr dynamischen Teilbereichen (IT-Hardware) durchaus weiter nutzen, sich aber auch bewusst sein, dass es sich auch um eine kurzfristige Sondersituation handelt, die bis zur Inbetriebnahme neuer Kapazitäten in 2 bis 3 Jahre von temporären Kapazitätsengpässen gespeist wird. Defensivere Investments wie Wandelanleihefonds werden derzeit attraktiver.