Belastungstest mit überschaubarer Marktreaktion
Das Abkommen zwischen dem Iran und den USA hat nach den Angriffen auf durchfahrende Schiffe in der Meerenge von Hormus und den darauffolgenden Luftschlägen der USA auf iranische Ziele seine bislang härteste Belastungsprobe erlebt. Beim NATO-Gipfel in Ankara, das ohne größere Überraschungen verlief, erklärte Trump den Waffenstillstand mit dem Iran für „vorbei“ und kündigte weitere Luftangriffe an, die dann auch in der Nacht auf Donnerstag erfolgten. Der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus kam abermals fast vollständig zum Erliegen. Die Ölpreise sind jedoch lediglich moderat angestiegen und liegen mit unter 80 US-Dollar pro Barrel weit entfernt von den Höchstständen der vergangenen Monate.
Die Marktteilnehmer rechnen offenbar nicht mit einem anhaltenden Wiederaufflammen des Konflikts. Diese Einschätzung spiegelte sich auch in den Bewegungen an den Aktienmärkten wider. Zwar verzeichneten die europäischen Aktienindizes merkliche Rückgänge, die amerikanischen Indizes reagierten hingegen kaum auf die erneute Eskalation. Deutlicher fiel die Reaktion an den Anleihemärkten aus. Hier wuchsen die Sorgen, dass ein möglicherweise länger anhaltender Preisanstieg beim Öl eine Entspannung der Inflation konterkarieren und eine strengere Gangart der Notenbanken zur Folge haben könnte. Infolgedessen beschleunigte sich das bereits Anfang Juli begonnene Anziehen der Renditen in den USA und Europa. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe stieg dabei auf 3,1 Prozent an und liegt nun rund 0,25 Prozentpunkte höher als am Monatsanfang.
Hinweise auf das weitere geldpolitische Vorgehen der US-Notenbank (Fed) lieferte das gestern veröffentlichte Protokoll zur ersten Notenbanksitzung unter Kevin Warsh. Dieser zeichnete im Juni das Bild einer sehr „falkenhaften” Fed. Der Bericht zeigte jedoch, dass die Haltung der stimmberechtigten Mitglieder des Offenmarktgremiums weniger eindeutig war als dies auf der Pressekonferenz suggeriert wurde. So waren die Lager zwischen keiner und einer Erhöhung im weiteren Jahresverlauf in etwa ausgeglichen.
Positiv hervorzuheben sind diese Woche die überraschend starken Konjunkturdaten aus Deutschland zur Industrieproduktion und zu den Auftragseingängen. Ein Hoffnungsschimmer für eine konjunkturell stärkere zweite Jahreshälfte. Diese dürfte jedoch maßgeblich vom weiteren Verlauf des Iran-Konflikts abhängen.
Innerhalb des KI-Sektors wurde die gigantische Rotation, die in den Hardware- und Infrastrukturbereich stattgefunden hatte, in dieser Woche in Teilen abgebaut.
Wie geht es weiter?
Kriegsverläufe lassen sich nicht belastbar vorhersagen. Allerdings sprechen die bevorstehenden US-Kongresswahlen, diplomatische Aufrufe von China zur freien Passage durch die Straße von Hormus und die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen für den Iran und die Weltwirtschaft insgesamt gegen eine erneute handfeste Eskalation. Die weitere Entwicklung bleibt jedoch ungewiss. Anhaltende Energiepreisanstiege könnten die Notenbanken, deren Finger gegenwärtig relativ locker am Abzug liegen dürften, zu Zinsschritten bewegen. Vor diesem Hintergrund ist die Veröffentlichung der US-Inflationsrate für Juni von großer Bedeutung. Sollte der Preisdruck hier nicht nachlassen, könnte sich die Haltung des Offenmarktgremiums in Richtung Zinserhöhung verschieben.
Damit könnte die US-Berichtssaison mit merklichem konjunkturellem und geldpolitischem Gegenwind starten. So oder so sind die Gewinnerwartungen in den USA mit über 21 Prozent beim S&P 500 gegenüber dem zweiten Quartal 2025 sehr ambitioniert und bei der gegenwärtigen Flughöhe dürfte es nur äußerst wenig Toleranz für Enttäuschung geben. Das konjunkturelle Umfeld könnte gemäß dem Motto unseres Halbjahresausblicks „KI schlägt Makro: Chancen nutzen, Resilienz leben“ eher eine untergeordnete Rolle spielen. Das Hauptaugenmerk dürfte auf der Amortisierung von Kapitalausgaben im KI-Sektor, auf Produktivitätsgewinnen durch die Anwendung von KI sowie auf den Ausblicken der Unternehmen liegen.
Wir sehen die Renditen im Euroraum am langen Ende derzeit auf einem lukrativen Niveau. So liegt die der zehnjährigen Bundesanleihe aktuell über unserer Prognose von 3,0 Prozent zum Jahresende. Angesichts der nach wie vor bestehenden Sorgen und zum Teil volatilen Kursentwicklungen in einigen Segmenten des KI-Bereichs sehen wir vermehrt Chancen bei antizyklischen Investments. Unter anderem in dem Bereich Medizintechnik. Eine umfassende Ausführung unserer Anlagestrategie für die zweite Jahreshälfte finden Sie in unserem Halbjahresausblick, der am 10.07.2026 veröffentlicht wird.