Abkühlung zum Frühsommer
An den US-Aktienmärkten riss die Serie von neun Wochen mit positiver Entwicklung nun ab. Sowohl die Technologiebörse Nasdaq als auch der breitere S&P 500 sind von ihren Höchstständen am letzten Dienstag heruntergekommen. Den Rückgang um rund 7 bzw. 4,5 Prozent sehen wir als Normalisierung in einer teils übertriebenen Euphorie.
Einen maßgeblichen Anteil daran hatte der US-Arbeitsmarktbericht vergangenen Freitag. Ein überraschend starker Aufbau von 172 Tausend neuen Stellen, verbunden mit einer Aufwärtsrevision der Vormonate von in Summe 93 Tausend Stellen, ließ die letzte Hoffnung auf eine Zinssenkung durch die Fed in diesem Jahr verpuffen. Inzwischen geht der Markt von einer Anhebung um 25 Basispunkte bis Jahresende aus. Der jüngste Inflationsanstieg auf 4,2 Prozent in der Headline-Rate (inklusive Energiepreise) und 2,9 Prozent in der Kernrate verstärkte diese Annahme. Auch die langfristigen Renditen legten leicht zu. Das Begraben der Zinssenkungshoffnung setzte dem Goldpreis zu. Dieser hat über ¼ von seinem Höchststand Ende Januar eingebüßt und erreichte nun den niedrigsten Punkt in diesem Jahr.
Trumps Handelskrieg hat nicht zu einem Abbau des chinesischen Handelsbilanzsaldos geführt. Gut ein Jahr nach Einführung der US-Zölle lässt sich festhalten, dass der Exportüberschuss aus dem Reich der Mitte ungebrochen ist. Die Summe der Ausfuhren der letzten 12 Monate beträgt rund 3,80 Bio. US-Dollar – mehr als die gesamte Wirtschaftsleistung (BIP) Großbritanniens. Der Überschuss (Exporte minus Importe) liegt mit 1,17 Bio. US-Dollar in der Größenordnung zwischen dem BIP der Niederlande und der Schweiz. Peking hat dabei die Warenströme vor allem Richtung Europa und Südostasien umgeleitet. Die von Trump neuerdings angekündigten Zölle von 10 – 12,5 Prozent für rund 60 Volkswirtschaften als Strafe für den „Handel mit Produkten, die durch Zwangsarbeit entstanden sind,“ würde auch die EU und China betreffen. Die Rechtmäßigkeit darf aber angezweifelt werden.
Im Euroraum reagierte die EZB auf den Ölpreisschock und die damit anziehende Inflation mit einer Leitzinsanhebung. Begründet wurde der Schritt vor allem durch die Gefahr von Zweitrundeneffekten. Aus unserer Sicht wäre eine Anhebung nicht zwangsläufig notwendig gewesen, da es sich um einen klassischen Angebotsschock handelt, bei dem die Geldpolitik nur begrenzt wirksam ist (siehe dazu auch unser ZinsForum ). Aufgrund der intensiven Kommunikation im Vorfeld und der geschürten Markterwartungen war der Schritt aber unvermeidlich, um die Glaubwürdigkeit zu wahren.
Wie geht es weiter?
Die Lage im Nahen Osten bleibt von hoher Unsicherheit geprägt. Die Kampfhandlungen wurden zuletzt wieder deutlich intensiviert. Dies stellt eine weitere Eskalation dar, kann aber auch bedeuten, dass der Druck erhöht wird, um zu einer diplomatischen Lösung zu kommen. Insofern ist es unmöglich vorherzusagen, wann die Straße von Hormus wieder komplett frei befahrbar sein wird. Vor diesem Hintergrund erscheint uns der Ölpreis derzeit vergleichsweise niedrig. Seit über zwei Wochen liegt er nun unter 100 US-Dollar pro Barrel. Investoren sollten daher eine gewisse „Resilienz leben“. Bei steigenden Energiepreisen könnten Erneuerbare Energien und Versorger profitieren. Langfristig dürfte das Thema Energie- und Ressourceneffizienz wichtiger werden, um die Unabhängigkeit und Versorgungssicherheit zu gewährleisten und sich nicht geopolitisch erpressbar zu machen.
Nach dem Rücksetzer an den Börsen sehen wir die Anlageklassen Aktien und Renten nun wieder weitgehend neutral. Somit gilt es grundsätzlich wieder auf ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Chancen und Resilienz zu setzen – mit einer möglichst großen Streuung zwischen und innerhalb der Anlageklassen. Die kräftige Korrektur bei Gold sehen wir dabei als Chance für Anleger, die bislang noch nicht in Edelmetallen investiert sind. Die Zinsen dürften weniger stark steigen als die Inflation und die Realrenditen damit also eher fallen. Das Engagement sollte jedoch nicht über eine strategische Quote hinausgehen.