Nachdem sich die geopolitische Lage rund um die immer vehementer gewordenen Ansprüche der USA auf Grönland in den vergangenen Tagen deutlich zugespitzt hatte, kam es nach dem gestrigen Auftritt des US-Präsidenten auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zu einer (zumindest vorläufigen) Entspannung an den globalen Finanzmärkten. Die Gefahr einer militärischen Intervention, die Androhung von Strafzöllen sowie die von einigen Ländern der EU geforderten drakonischen handelspolitischen Gegenmaßnahmen befeuerten im Laufe der Woche die Sorgen der Marktteilnehmer vor einer weiteren Eskalationsstufe im Handelsstreit und einer weiter voranschreitenden Fragmentierung des transatlantischen Bündnisses.
Vor diesem Hintergrund notierten die globalen Aktienmärkte zu Wochenbeginn deutlich im Minus. Insbesondere wurde das Narrativ „Sell America“, also die großflächige Abkehr von US-Finanzwerten, verstärkt aufgegriffen. Dies war auch bei US-Staatsanleihen zu beobachten. Doch nicht nur in den USA führte die Grönland-Thematik bei Anleihen zu steigenden geopolitischen Risikoprämien und befeuerte die Sorgen vor zollbedingten Preiszuwächsen und einer Ausweitung der Staatsausgaben. Auch losgelöst von der Geopolitik kam es in der ersten Wochenhälfte auf globaler Ebene zu einem großflächigen Anstieg von längerfristigen Renditen. Ein wichtiger Grund dafür war die zunehmende Besorgnis und der Unmut mit Blick auf die Nachhaltigkeit von Staatsfinanzen. Vor allem durch teure Wahlversprechen in Japan rückte die Thematik verstärkt in den Fokus. Auffällig dabei war, dass sich deutsche Staatsanleihen in der gegenwärtigen Marktphase im Großen und Ganzen nicht als sicherer Hafen herauskristallisiert haben. Anders verhielt es sich bei Gold. Der Preis des gelben Metalls profitierte von der hohen Unsicherheit und erklomm bis zum Zurückrudern von Donald Trump am Mittwoch neue Rekorde. In seiner Rede schloss der US-Präsident einen Militäreinsatz in Grönland aus. Im Laufe des Abends verkündete er zudem, dass eine mögliche Lösung gefunden worden sei, und zog die angekündigten Strafzölle zurück. Die Wall Street und auch die europäischen Börsenplätze reagierten mit deutlichen Kursanstiegen.
Die Finanzmärkte scheinen ihrer Rolle als Korrektiv nachgekommen zu sein und dürften einen wesentlichen Beitrag zur Kehrtwende des US-Präsidenten geleistet haben. Ein weiterer Faktor könnte in diesem Zusammenhang allerdings auch das Auftreten der EU, des Vereinigten Königreichs und Kanadas gewesen sein. Im Vergleich zu den im April des vergangenen Jahres angekündigten Zöllen sind sie deutlich geschlossener, angriffslustiger und überzeugender aufgetreten.
Neben den Märkten scheint jedoch auch die Judikative in den USA ihrer korrektiven Funktion nachzukommen. Der Oberste Gerichtshof beschäftigt sich derzeit mit dem Handlungsspielraum und den Befugnissen eines Präsidenten, Funktionäre unabhängiger Institutionen wie der Zentralbank zu entlassen. Mit Blick auf die Kündigung von Lisa Cook unter dem Vorwurf des Hypothekenbetrugs schien sich das oberste Gericht am gestrigen Verhandlungstag eher gegen eine Entlassung auszusprechen, um keinen Präzedenzfall zu schaffen und die Unabhängigkeit der Notenbank nicht zu gefährden.
Das scheinbar sichere Handelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten steht nach Widerstand im Europäischen Parlament abermals auf der Kippe. Bevor es zustande kommt, soll der Europäische Gerichtshof den Vertrag überprüfen, was das Vorhaben (mindestens) um viele Monate verzögern wird. Positiv hervorzuheben war indes der ZEW-Index, der die Markterwartungen übertreffen konnte.
Wie geht es weiter?
Es scheint, als hätten die versöhnlicheren Töne des US-Präsidenten die Stimmung an den Aktienmärkten abermals von „Sell America“ zu „Taco“ (Trump zieht am Ende immer zurück) gedreht. Doch gerade in diesem gegenwärtigen, scheinbar automatischen Mechanismus der Märkte – eskalierende Worte des US-Präsidenten senken die Aktienkurse, bis die Rückgänge durch eine verbale Deeskalation negiert werden – sehen wir ein erhöhtes Gefahrenpotenzial. Denn an den vorausschauenden und antizipierenden Kapitalmärkten haben scheinbar deterministische Zusammenhänge üblicherweise eine begrenzte Halbwertszeit – und irgendwann dürfte der Bogen überspannt werden. Vor diesem Hintergrund setzen wir weiterhin auf die in unserem Jahresausblick propagierte resiliente Aufstellung mit einer breiten globalen Streuung. Doch auch das zweite Standbein unserer Jahresstrategie „Chancen nutzen“ bleibt relevant. Gerade mit Blick auf die laufende US-Berichtssaison, in der bisher insgesamt gute Zahlen und Ausblicke vorgelegt wurden, bleiben wir gegenüber Aktien weiterhin positiv eingestellt. Zudem setzen wir nach wie vor auf Anleihen, bei denen wir derzeit vor allem längere Laufzeiten präferieren.