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Entspannung im Nahen Osten

Nachdem sich die Konfrontation zwischen den USA und dem Iran über die Osterfeiertage weiter zugespitzt hatte, kam es in der Nacht zu Mittwoch zu einer Entspannung, als die Vereinbarung eines Waffenstillstands verkündet wurde. Da die Einigung auch eine „sofortige Öffnung“ der Straße von Hormus beinhalten sollte, antworteten die Finanzmärkte mit einer Erleichterungsrallye.

Die wichtigsten Ölpreisnotierungen gingen gestern Vormittag zwischenzeitlich um 16 Prozent auf 92 US-Dollar (Brent) bzw. 95 US-Dollar (WTI) pro Fass zurück, der S&P reagierte mit einem deutlichen Anstieg und konnte dabei seine 200-Tagelinie von unten nach oben durchstoßen.

Die Anleihemärkte reagierten insbesondere in den kurzfristigen Laufzeitbereichen mit einem deutlichen Renditerückgang, da sich die an den Terminmärkten für 2026 veranschlagten Leitzinserhöhungen der EZB und der US-Notenbank rasch reduzierten.

Nachdem sich in der Folge Irritationen über den genauen Inhalt der Vereinbarung zeigten und die Durchfahrt durch die Straße von Hormus weitgehend gesperrt blieb, legte der Ölpreis wieder moderat zu und die Kurse von Anleihen und Aktien büßten einen Teil ihrer Gewinne vom Vortag wieder ein.

Weitere Nachrichten der Woche, wie der am Karfreitag veröffentlichte monatliche US-Arbeitsmarktbericht oder das am Mittwoch veröffentlichte Protokoll der jüngsten US-Notenbanksitzung blieben vor dem Hintergrund des nach wie vor dominanten Themas „Iran“ weitgehend ohne Einfluss auf das Marktgeschehen.

Wie geht es weiter?

Wie bereits in unserer gestrigen Markteinschätzung dargelegt, interpretieren wir die Einigung so, dass es alle Kriegsparteien als Teilerfolg verkaufen können. Für den US-Präsidenten bietet die Waffenruhe die Ausstiegsoption aus dem unter US-Bürgern sehr unpopulären Krieg.

Trotz noch bestehender Irritationen über Details der bisherigen Vereinbarungen gehen wir davon aus, dass alle Parteien kein Interesse an einer Fortführung des Krieges haben.

Mit der mit einer Entspannung verbundenen Öffnung der Straße von Hormus sollte der Ölpreis in den nächsten Monaten wieder nachhaltig sinken. Wegen der durch den Konflikt ausgelösten Schäden an der Öl- und Gasinfrastruktur sowie der logistischen Herausforderungen erscheint ein Rückgang auf das Vorkrisenniveau allerdings unwahrscheinlich.

Trotz damit zumindest vorübergehend höherer Energiepreise und höher als zu Jahresbeginn prognostizierten Inflationsraten sehen wir aus ökonomischer Sicht nach wie vor wenige Gründe für eine Leitzinserhöhung der EZB, so lange keine signifikanten Preiserhöhungen (Zweitrundeneffekte) auf breiter Basis zu erkennen sind. Aufgrund der nach dem russischen Angriffskrieg zu zögerlich vorgenommenen Zinserhöhungen ist es jedoch möglich, dass die EZB die Zinsen aus „politischen“ Gründen präventiv erhöhen könnte.

Wir gehen davon aus, dass sich die Kapitalmärkte bei anhaltender Waffenruhe in den nächsten Wochen wieder anderen Themenfeldern zuwenden dürften. Der Iran-Konflikt würde somit, auch wenn viele Fragen ungelöst bleiben, als ökonomischer Belastungsfaktor in den Hintergrund treten. Was allerdings schon zum jetzigen Zeitpunkt für 2026 klar sein dürfte: Das Wachstum wird erkennbar gedämpft und die Preissteigerungsraten werden höher sein, als ursprünglich erwartet.

Ein Rückgang der Inflationserwartungen und das Auspreisen von Zinserhöhungen könnte zu leichten Renditerückgängen bei kurzen und mittleren Laufzeiten führen. Damit dürfte die Zinsstrukturkurve wieder etwas steiler werden, längere Laufzeiten sollten sich weiterhin innerhalb der Prognosespanne unseres Jahresausblicks bewegen.

Nachdem wir uns in der vergangenen Woche vornehmlich auf den zweiten Teil des Leitmotivs „Chancen nutzen, Resilienz leben“ konzentriert hatten, gewichten wir mit Blick auf die Entspannungssignale im Iran-Konflikt nun beide Teilsätze unseres Jahresausblicks wieder gleich. So erscheinen aus taktischer Sicht im Aktiensegment die Bereiche „Emerging Markets“ und „Technologie“ wieder attraktiv.

Vor dem Hintergrund der insgesamt nach wie vor ungewissen Gemengelage und der Tatsache, dass unser Jahresausblick aufgrund des nach drei „Premiumaktienjahren“ erreichten Bewertungsniveaus nicht überbordend viel Spielraum für deutlich höhere Aktiennotierungen verspricht, sollte der zweite Teil „Resilienz leben“ dabei jedoch auch nicht aus den Augen verloren werden. Diversifikation und Streuung bleiben auch bei einer wieder etwas positiveren Gesamtmarktsicht die oberste Maxime.

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