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Gesunder Optimismus

Optimismus ist in der DNA jedes Investors angelegt, meint Bernd Schimmer, Chef-Investment-Stratege der Haspa. Doch diese Geisteshaltung sollte auf keinen Fall mit Naivität oder Leichtsinn verwechselt werden.

Angesichts geopolitischer Instabilität und Konflikten mit hohem Eskalationspotenzial ist es heute eine echte Herausforderung, sich seine Zuversicht zu bewahren. Überbordende Staatsschulden und latente Inflationsgefahren sind auch nicht eben erheiternd, die Polarisierung unserer Gesellschaft kein Freifahrtschein für Sorglosigkeit.

Und trotzdem bleiben wir Optimisten – und zwar besonders in unserer Rolle als Investoren. Weil wir naiv und leichtsinnig sind? Weil wir mit einer ausgeprägten Rechenschwäche unterwegs sind, wenn es um Wahrscheinlichkeiten geht? Ganz im Gegenteil. Optimismus ist in der Investoren-DNA angelegt, denn als Anleger können wir aktiv werden, gezielt Einfluss nehmen, Risiken und Chancen steuern.

Wer in eine Anleihe investiert, geht davon aus, dass ihm der Schuldner, ob Staat oder Unternehmen, sein Geld zurückzahlt und dazu die festgelegten Zinsen. Dafür steht unter anderem die Bonität des Emittenten, der die Anleihe begeben hat. Bei einer Aktienanlage herrscht Optimismus, dass Kursgewinne oder Dividenden über die Jahre für einen ansehnlichen Gewinn sorgen werden, doch diese Erwartung ist nicht etwa ein Traumgespinst wie die Hoffnung auf einen Lottogewinn, sondern beruht auf Faktoren wie den Kennzahlen des Unternehmens oder seiner Dividendenhistorie. Und auch die Geschäftsideen eines Vorstandsvorsitzenden müssen den kritischen Aktionär überzeugen.

Globalpolitischen oder gesellschaftlichen Fehlentwicklungen sind wir in aller Regel wohl passiv ausgesetzt. Aber beim Investment wechseln wir die Position und werden zu Akteuren, nicht nur bei der Wahl einzelner Wertpapiere, sondern auch bei der Asset-Allokation, der Strukturierung des Portfolios nach Vermögensklassen. So können wir individuelle Anpassungen unserer Renditeerwartung vornehmen. Da wird Optimismus zu einer soliden Angelegenheit.

Damit steht der souveräne Investor natürlich dem „Permabär“ gegenüber, brummigen Marktexperten, die permanent Bärenmärkte prophezeien und sich dabei auch nicht durch jahrelange Höhenflüge an den Börsen irritieren lassen. Und das muss man ihnen tatsächlich lassen: Irgendwann setzt es, das lehrt die Geschichte der Aktienmärkte, tatsächlich einen solchen Bärenmarkt, in dem es mit den Kursen deutlich und leider dann auch länger als erwartet abwärts geht.

Doch auch diese Tatsache lässt uns nicht zu Pessimisten mutieren, im Gegenteil. Schließlich wiederholt sich auch ein anderes Muster in der langen Geschichte der Aktienmärkte: Nach jedem Abschwung geht es nicht nur wieder aufwärts, nein, vorherige Höchststände werden übertroffen. Fragt sich nur wann, ließe sich einwerfen. Schließlich gibt es nicht nur heftige, aber kurze „Dips“ wie die Absacker während der Covid-Pandemie oder anlässlich Präsident Trumps verstörender Zoll-Verkündigung im Februar vergangenen Jahres.

Als im Jahr 2000 die Dotcom-Blase platzte, fiel der Index MSCI World, der die Aktienmärkte von 23 entwickelten Volkswirtschaften abbildet, über knapp drei Jahre um gut die Hälfte. Und es dauerte inklusive der Finanzkrise ab 2007 ganze 13 Jahre, bis er seinen alten Stand wieder erreicht hatte. Eine Frist, lang genug, um auch hartnäckige Optimisten in Depression verfallen zu lassen. Allerdings nur solche von der unvorsichtigen Sorte, die sich weder durch eine robuste Portfolioaufstellung mit der Widerstandskraft der Diversifizierung gegen solche Malaisen ein Stück weit abgesichert hatten, noch in den Abschwung hinein gekauft hatten – schließlich scheint der günstigste Zeitpunkt für den Einstieg dann zu sein, wenn einem die Massen bleichgesichtig und bibbernd aus den Börsen entgegenströmen. Der rationale Optimist könnte dann erwägen, in die Gegenrichtung zu ziehen und zu kaufen – wobei jede Kaufentscheidung immer individuell zu prüfen ist. Schließlich ist nicht vorhersehbar, ob sich Kurse nach einem Einbruch erholen und wie lange sie dafür brauchen.

Nicht unbedingt als Grundlage für Anlageentscheidungen tauglich, aber interessant als Fingerzeig ist übrigens der Fear & Greed Index (unter: edition.cnn.com/markets/fear-and-greed). Das Finanzressort des US-Fernsehsenders CNN ermittelt hier mittels verschiedener Indikatoren die Gefühlslage der Investoren, wie sie zwischen Angst und Gier pendelt. Häufig wird dieser Sentiment-Index als ein Hilfsmittel für eine taktisch geprägte Entscheidung verwendet, und zwar konträr. Soll heißen: Sind alle Investoren sehr pessimistisch, ist das eher positiv zu interpretieren, da sie ja schon verkauft haben. Falls dagegen optimistischer Überschwang herrscht, ist alles Gute und vielleicht schon zu viel Positives eingepreist und die Kurse können eigentlich nur noch sinken. Doch mit diesen Lesarten liegt man leider auch nicht immer richtig.

Wie man es auch dreht und wendet, ohne Optimismus ist an Kapitalmärkten wenig auszurichten. Ein deutlich größeres Quantum davon wird allerdings Unternehmern abverlangt, denn mit einer Unternehmensgründung setzt man in den meisten Fällen vieles auf eine Karte. Vergleichbar wäre dies mit dem Investment in eine einzige Aktie und das mit einem Großteil seines Vermögens – wozu wir im Bereich der strukturierten Anlage trotz allem Optimismus gerade nicht raten. Bei diesem Gedanken bleibt uns nur, den Hut zu ziehen vor der Courage von Unternehmern, und uns darüber zu freuen, dass Investorinnen und Investoren mit sehr viel weniger Optimismus auskommen.

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