Der Wahlausgang
Die Demokraten haben die Midterm-Wahlen in den USA klar gewonnen. Nach Auszählung eines Großteils der Stimmen haben sie bereits 225 Sitze im Repräsentantenhaus sicher, die Republikaner dagegen erst 136. Die verbleibenden 74 Wahlbezirke werden noch ausgezählt. Auch beim Senat liegen die Demokraten mit 54 zu 44 klar vorn. In Alaska und Mississippi gibt es ein extrem knappes Kopf-an-Kopf-Rennen, weshalb das finale Ergebnis noch offen ist.
Auch wenn er selbst nicht zur Wahl stand, ist damit klar, dass Donald Trump trotz einer Rekordsumme der Wahlkampfgelder eine historische Wahlschlappe erleidet. Vom starken Wirtschaftswachstum und der guten Entwicklung am Aktienmarkt profitierten nur wenige. Umfragen zufolge hat insbesondere die Unzufriedenheit über die hohen Lebenshaltungskosten bei der Abstimmung überwogen. Die explodierenden Spritpreise, gestiegene Hypothekenzinsen und Importzölle, die auf die Verbraucherpreise aufgeschlagen werden, waren für die Bürger spürbar und für viele kaum verkraftbar. Auch gesellschaftspolitische Themen, wie das harte Vorgehen gegen Migranten, dürften eine Rolle gespielt haben. Außerdem haben Abgehobenheit, Korruption und Skandale (Epstein-Files, gotteslästerliche KI-Bilder,…) auch bislang treue konservative Wähler verschreckt.
Obwohl der doppelte Machtwechsel als das wahrscheinlichste Ergebnis galt, fällt der Sieg der Demokraten deutlich stärker aus als erwartet. Zudem gibt es einige faustdicke Überraschungen. Der Senatssitz aus Mississippi wurde noch am Tag vor der Wahl an Wettmärkten mit 96-zu-4 für klar rot (republikanisch) gehalten. Aktuell ist der Ausgang dagegen noch offen und es könnte auf wenige hundert Stimmen ankommen. Außerdem kam die Wahl der Demokratin Annie Andrews für den Senatssitz von South Carolina völlig unerwartet. In Kansas hatte sich zwar ein knappes Rennen abgezeichnet, doch stellt der Sieg der Demokraten einen Bruch der fast 100 Jahre anhaltenden Vormachtstellung der Republikaner dar. Weitere sensationelle „Senats-Flips“ gab es in Texas und Iowa sowie in Ohio, North Carolina und Maine. Auch einige Gouverneurswahlen fielen anders aus als prognostiziert. So hat Iowa nach 20 Jahren nun einen demokratischen Gouverneur. Beim Repräsentantenhaus kam es trotz aggressiv zugunsten der Republikaner verschobener Wahlbezirksgrenzen in Florida zu einer massiven Gegenwelle. Insgesamt dürfte dieses Beben in der republikanischen Partei noch länger nachhallen.
Erste Marktreaktion
Im ersten Moment tauchte der Future des US-Aktienbarometers S&P 500 leicht ins Minus, drehte danach aber wieder etwas ins Plus. Der US-Dollar tendiert eher zur Schwäche und die Anleihen-Renditen sind minimal gefallen. Insgesamt sind die Reaktionen bislang gering – wobei der reguläre US-Handel erst am Nachmittag deutscher Zeit startet.
Wie geht es weiter?
Trump ist und bleibt Präsident und hat in vielen Teilen weiterhin die Entscheidungshoheit, wie zum Beispiel in der Außenpolitik. Somit ist es wenig wahrscheinlich, dass sich die Politik grundsätzlich neu sortiert bzw. verändert. Möglicherweise fallen destruktive Attacken gegen internationale Partner nun aber etwas moderater aus, so dass sich die Perspektiven für eine Zusammenarbeit auf der unternehmerischen Seite etwas aufhellen. Dies könnte dann auch den europäischen Börsen zu Gute kommen. Insgesamt wurde in der Vergangenheit eine geteilte Regierung (Präsidentenamt und Kongress liegen bei unterschiedlichen Parteien) von den Kapitalmärkten häufig positiv gesehen. Die gegenseitige Blockade vermeidet all zu große Gesetzesänderungen, was implizit zu einem planbaren Umfeld führt. Allerdings könnten die Haushaltsverhandlungen wieder einmal schwierig werden und perspektivisch ein erneuter Shutdown drohen.
Zwar stehen die Demokraten für mehr Regulierung und eine skeptischere Haltung gegenüber dem Ausbau von Rechenzentren. Doch dürften am Kapitalmarkt die fundamentalen Treiber weit wichtiger bleiben als politische Vorgaben. Entscheidend ist weiterhin die Frage, ob die hohen KI-Investitionen in Zukunft wieder eingespielt werden können. Die Antwort darauf sollte nicht vom Ausgang der gestrigen Wahl abhängen. Insofern raten wir Investoren, ihre Anlageentscheidungen nicht ereignisgetrieben über Bord zu werfen, sondern mit ruhiger Hand an einer ausgewogenen Diversifikation zwischen und innerhalb der Anlageklassen festzuhalten.