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Schimmers Kolumne: Aktionäre in Aktion: Es muss nicht immer Omaha sein


Was zählt bei der Wahl einer Aktie? Kühles Kalkül, keine Frage. Doch ein Trip zur Hauptversammlung bringt oft genug auch einen Schuss Emotionen ins Spiel.
Was Woodstock für die Hippies war, was Bayreuth immer noch für Wagner Liebhaber ist, das ist – oder war? – Omaha für die Aktionärswelt: ein Wallfahrtsort. Schließlich ist diese amerikanische Stadt am Missouri alljährlicher Schauplatz der Hauptversammlung von Berkshire Hathaway, dem von Warren Buffett gegründeten Konglomerat. Ob der Kultstatus des Events in seiner weltweiten Strahlkraft erhalten bleibt, ist allerdings noch nicht abzuschätzen, denn im vergangenen Jahr lieferte die Legendengestalt Buffett dort seinen letzten Auftritt als Chef der Beteiligungsgesellschaft. Mit 95 Jahren und einer gigantischen Lebensleistung im Rückblick kann man sich ja tatsächlich allmählich zur Ruhe setzen.
Abgesehen von diesem Abgang ist die „Eintrittskarte“ für die Veranstaltung nicht eben mal so nebenbei erworben – zumindest notieren die Class A Aktien von Berkshire Hathaway deutlich über 600 000 Euro. Immerhin haben Besuche von Hauptversammlungen von Aktiengesellschaften auch ohne Fernreisen durchaus ihren Reiz, und der erschöpft sich keineswegs in den Imbissen, die dort den Aktionären gereicht werden. Nein, Bezüge und Beziehungen, die so vor Ort zwischen Anleger und Unternehmen gefestigt oder im ungünstigen Fall auch infrage gestellt werden, bilden einen belebenden Kontrast zum passiven Investieren in börsengehandelte Indexfonds. Anders als in dieser stocknüchternen Welt zeigt sich hier oft genug vor Ort: Die Seele investiert ja mit und das teilweise auch monetär ausgesprochen erfolgreich.
Dass der Investor nicht nur mit kühler Berechnung, sondern auch mit einer kleinen Zugabe an Emotionen ans Werk geht, gilt in unseren Zeiten fast schon als anrüchig. Nicht umsonst hat sich mit der „Behavioral Finance“ ein wichtiges Forschungsgebiet mit den Tücken unseres Innenlebens befasst und in Versuchsreihen und Analysen herausgearbeitet, welche psychischen Fallstricke beim Agieren in Finanzdingen drohen – tatsächlich nicht eben wenige. Und natürlich soll hier jetzt auch kein Loblied auf Gefühlsduselei gesungen werden. Ganz im Gegenteil: Die Ratio sollte selbstverständlich den Ausschlag beim Investieren geben. Und das dürfte beispielsweise auch bei der überwältigenden Mehrzahl der Aktionäre von Berkshire Hathaway der Fall gewesen sein. Auch 2026 sind wieder Zehntausende von ihnen zum „Woodstock des Kapitalismus“ nach Omaha gereist. Alle anderen konnten die Veranstaltung live auf CNBC verfolgen, als Pendant zur Reisedokumentation quasi.
Keine Frage, seit dem Siegeszug des Internets hat das Investieren an sinnlichen Qualitäten verloren, Bits und Bytes ersetzen den Anteilsschein, der tatsächlich noch ein Schein war, den man sich auf Wunsch auch an die Wand hängen konnte. Börsianer, die noch ihren Auftritt mit Geschrei und großer Gestik auf dem Börsenparkett abliefern, sind Randerscheinungen von geradezu folkloristischer Qualität geworden. Selbst Hauptversammlungen werden besonders seit der Corona Pandemie zunehmend zu Online Veranstaltungen. Schade einerseits. Andererseits sollten nostalgische Emotionen nicht den klaren Blick auf die Vorteile der zeitgemäßen Nüchternheit verschleiern.
Und diese Vorteile liegen auf der Hand: Effizienz, Transparenz, Geschwindigkeit. Und dabei geht es um Vorteile, die sich unbestreitbar für den Investor auszahlen. Nicht zu vergessen ist auch ein weiterer Pluspunkt, die Demokratisierung des Kapitalmarkts. Der leichte Zugang, den die digitale Ära mit sich gebracht hat, kostengünstige Finanzprodukte mit abgefedertem Risiko, speziellen Themen und Ausrichtungen sind und waren Türöffner für eine große Zahl auch junger Menschen – unter den Bedingungen der „guten alten“ analogen Zeiten haben nur wenige von ihren Altersgenossen den Weg an die Börse gefunden. Und gerade angesichts der demografischen Entwicklung ist es doch zu begrüßen, dass die Barrieren für den Börsenzugang gefallen sind.
Und doch: In Zeiten der digitalen Verwahrung, in denen der Aktionär seine Aktien nie buchstäblich zu fassen bekommt, hat es schon eine gewisse Qualität, altmodisch analog eine Jahreshauptversammlung zu besuchen. Zumindest, falls man die Zeit findet, das Interesse aufbringt … und solange diese Veranstaltungen nicht allesamt auch zu Online Phänomenen geworden sind. Nur sollte man bei DAX Unternehmen nicht unbedingt die gewitzten Show Qualitäten mit Tiefgang erwarten, für die Warren Buffett über Jahrzehnte stand.
Alles in allem von unserer Seite der spezielle Akzent zum Thema Reisen: „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“ – und das vielleicht als Aktionär vom Besuch einer Hauptversammlung.

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