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Was tun, wenn Werte wie Kurs-Gewinn-Verhältnis und Kurs-Buchwert-Verhältnis über dem historischen Durchschnitt liegen? Wird die Luft auf den Aktienmärkten allmählich dünn? Und wie wäre es da mit alternativen Wertanlagen, Kunstwerken zum Beispiel?
Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst“, befand Friedrich von Schiller. Zumindest dem ersten Teil dieses Statements ist man heute geneigt zuzustimmen – Handelskriege, Zoll-Attacken bisher unbekannter Heftigkeit und Unberechenbarkeit, überbordende Staatsschulden, dazu geopolitische Verwerfungen … Das aktuelle ökonomische und politische Szenario ist eher für eine ernste Gemütsverfassung gut.
Und der anhaltende Anstieg der Aktienkurse im Bereich der Künstlichen Intelligenz, taugt der als Stimmungsaufheller für Investoren? Oder steigert er das mulmige Gefühl noch weiter? Sind wir schon im Bereich der Übertreibung angekommen, bahnt sich vielleicht bereits ein Rücksetzer an? Was stellt diese KI mit mir persönlich und der Menschheit im Allgemeinen an?
Mancher mag da auf den Gedanken kommen, einen Teil des Anlagekapitals lieber auf die laut Schiller heitere Seite zu verlegen. Investieren lässt sich schließlich nicht nur auf dem Kapitalmarkt, in Immobilien, in Gold, sondern auch in Kunstwerke. Hätte man doch zum Beispiel das eine oder andere Gemälde aus Gerhard Richters Frühwerk erstanden! Der Künstler selbst ist schließlich nicht nur in Hinblick auf künstlerische, sondern auch auf finanzielle Wertschöpfung eine herausragende Erscheinung: Das Manager Magazin taxierte sein Vermögen schon im Jahr 2019 auf 700 Millionen Euro. Ein Kunstkäufer, der zur rechten Zeit aktiv geworden wäre, hätte gewissermaßen zum Teilhaber des Aufstiegs werden können. Aber auch mit Neo Rauch hätte er keinen schlechten Griff getan, natürlich besonders vor der Ausstellung von dessen Gemälden im New Yorker Metropolitan Museum of Art im Jahr 2007 …
Oder handelt es sich bei solchen Überlegungen nur um typische Beispiele einer Selbsttäuschung, die in der Finanzwirtschaft als „Hindsight Bias“ firmiert? Verzerrte Sicht in der Rückschau eben, wobei sich der Anglizismus auch treffend salopp übersetzen lässt: Hinterher ist man immer schlauer. Nur: Wer kennt heute den Gerhard Richter von übermorgen, kann das künstlerische Potenzial dieses Unbekannten ermessen und seine Chancen auf dem internationalen Kunstmarkt?
Solches Gespür scheint jedenfalls nicht allzu weit verbreitet zu sein. Im Jahr 2013 erlaubte sich etwa der auf Auktionen hoch gehandelte britische Künstler Banksy den Spaß, an einem Stand im New Yorker Central Park handsignierte Originale zu verkaufen – zum Schleuderpreis von 60 US-Dollar. Vier Stunden, so Banksy, habe es bis zum ersten Verkauf gedauert: „Eine Frau hat zwei kleine Leinwände für ihre Tochter gekauft, aber erst nachdem sie einen Preisnachlass von 50 Prozent herausgehandelt hat.“
Auch jenseits solch skurriler Vorkommnisse sind die Unterschiede zwischen Kunst- und Kapitalmarkt markant. An der Börse herrscht ein hohes Maß an Transparenz und Vergleichbarkeit, bei Aktien und Anleihen handelt es sich um serielle Einheiten, nicht um Unikate: Eine Siemens-Aktie mit einer bestimmten Wertpapierkennnummer ist wie die andere, der Kurs bestimmt sich durch Angebot und Nachfrage, sodass jeder Interessierte diese Preisbildung verfolgen kann. Bei der auf dem Kunstmarkt eröffnen sich dagegen so einige Manipulationsmöglichkeiten und die reichen im Extremfall bis zur Fälschung. Dass an einem der internationalen Wertpapierhandelsplätze getürkte Apple-Aktien oder nachgemachte Bundesobligationen den Besitzer gewechselt hätten, ist dagegen bisher nicht bekannt geworden.
Sicher, auch am Kapitalmarkt ist nicht alles Gold (und auch das haben wir allokiert), was glänzt, Ausnahmen wie die Wirecard AG als schwarzes Schaf im DAX und die Zusammenbrüche zahlreicher „Weltmarktführer“ in der Ära des Neuen Marktes bestätigen dennoch die Regel: Durch Diversifikation über Branchen und Weltgegenden ist es selbst jungen Privatanlegern am Anfang ihrer Laufbahn möglich, solche Ausfallrisiken einzelner Unternehmen auf homöopathisches Niveau zu entschärfen. Ein Kunstkäufer müsste dagegen für einen vergleichbaren Effekt schon auf einen Schlag den „kompletten“ Louvre oder wenigstens die Tate Gallery of Modern Art erstehen.
Keine Frage, der Erwerb von Kunstwerken kann sich sehr wohl auszahlen – vorrangig allerdings durch Kunstgenuss, nicht durch eine planbare Rendite. Beim strategischen Vermögensauf- und -ausbau ist der Faktor der Berechenbarkeit elementar, und der ist bei einem ausreichenden Zeithorizont und einer robusten Diversifikation über Anlageklassen am Kapitalmarkt recht ausgeprägt, das belegen zahllose finanzwissenschaftliche Studien. Was natürlich keineswegs bedeutet, dass sich die Entwicklungen am Aktienmarkt über kurze oder mittlere Zeitspannen kalkulieren ließen.
Macht sich bereits bei den Top-Titeln der Künstlichen Intelligenz eine gewisse Überhitzung bemerkbar? Vielleicht, vielleicht aber auch gerade nicht. Für uns ist diese Unentschiedenheit aber ein Grund, ihnen im Portfolio kein massives Übergewicht einzuräumen. Als sicher kann allerdings gelten, dass es sich beim Thema KI in der Breite der Volkswirtschaft nicht um eine Blase handelt, die sich demnächst mit einem vernehmlichen Plopp verabschiedet: zu ausgeprägt sind die Produktivitätsgewinne, die hier angelegt sind.
Allgemein soll der Erwerb von Unternehmensanteilen, Anleihen oder eine Investition in das gerade stark nachgefragte Gold zur eigenen Kapitalsteigerung führen. Schon hier besteht das Risiko, stattdessen Verluste einzufahren. Und Kunst?
Der Kauf von Kunst sollte zuallererst auf eines abzielen: Kunstgenuss. Wertsteigerung wäre hier eher willkommener Beifang. Aber wenn Finanzen im Vordergrund stehen, wäre ein Postulat des Künstlers Andy Warhol bedenkenswert: „Geld machen ist Kunst. Und arbeiten ist Kunst. Und gute Geschäfte machen ist die beste Kunst.“