EZB kündigt „Leitzins-Reise“ an

veröffentlicht am 9. Juni 2022

EZB kündigt „Leitzins-Reise“ an

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat sich entschieden, auch in der Euro-Zone die Leitzinswende einzuleiten. Erstmals nach mehr als zehn Jahren sollen die Leitzinsen wieder erhöht werden.

Beginnen wird die EZB am 21. Juli mit der Anhebung aller drei Leitzinsen um 25 Basispunkte. Bereits am 8. September dürfte der nächste Zinsschritt gegangen werden. Ändern sich die aktuellen Projektionen bezüglich der Inflationsentwicklung nicht – oder werden sie noch schlechter -, dürfte im September sogar eine Anhebung um 50 Basispunkte anstehen. Danach sind weitere Leitzinserhöhungen zu erwarten, denn es sind laut der EZB-Präsidentin „keine Schritte, sondern eine Reise“.

Leitzinsen aktuell unverändert
Aktuell wurden die Leitzinsen erwartungsgemäß nicht verändert. Der Einlagesatz für Banken (“Strafzins”) liegt bei minus 0,50%, der Hauptrefinanzierungssatz bei 0,00% und der Ausleihsatz bei 0,25%.

Anleihekäufe enden am 1. Juli

Der EZB-Rat beschloss zudem einstimmig, die Anleihekäufe zum 1. Juli einzustellen. Die Tilgungsbeträge aus dem Pandemie-Notfall-Ankaufprogramm PEPP werden jedoch noch mindestens bis Ende 2024 reinvestiert. Die Rückflüsse und Fälligkeiten aus dem „normalen“ Ankaufprogramm APP werden solange reinvestiert, wie es erforderlich ist, um „reichlich“ Liquidität zu gewährleisten. An einen Abbau der Notenbankbestände, also eine Reduzierung der Notenbankbilanz wie in den USA, ist allerdings noch nicht gedacht.

Keine Fragmentierung
Die EZB wird keine Fragmentierung der Geldpolitik zulassen. Die Transmission der Geldpolitik soll überall gewährleistet sein. Im Klartext bedeutet dies: Sollten die Renditeabstände zwischen den Anleihen der verschiedenen Euro-Länder (Spreads) zu weit auseinanderlaufen, greift die EZB ein. Hierfür stehen die PEPP-Tilgungsbeträge zur Verfügung. Sie können „flexibel über den Zeitverlauf, die Anlageklassen und die Länder“ eingesetzt werden. Explizit werden griechische Staatsanleihen genannt, denen bei Bedarf zu Hilfe geeilt wird.

EZB-Projektionen: Inflation 2024 leicht über dem Zielwert
Der anhaltende rasante Anstieg der Inflationsraten und der Höhenflug der Energiepreise haben zu Anpassungen bei den Projektionen geführt. Bei den Wachstumsschätzungen ging es überwiegend nach unten, bei der Inflationsprognose überall nach oben.
Beim Bruttoinlandsprodukt der Euro-Zone erwartet die EZB Zuwächse von 2,8% in 2022 (vorher 3,7%), 2,1% in 2023 (vorher 2,8%) und ebenfalls 2,1% in 2024 (vorher 1,6%).
Bei den Verbraucherpreisen rechnete die EZB nun mit einem Anstieg von 6,8% in 2022 (vorher 5,1%), 3,5% in 2023 (vorher 2,1%) und 2,1% in 2024 (vorher 1,9%). Allerdings betonte die EZB, dass die Inflationsraten weiterhin einem Aufwärtsrisiko unterliegen. Sie können also höher ausfallen als erwartet.
Bei der ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise berechneten Kernrate der Inflation rechnet die EZB jetzt mit 3,3% in 2022 (vorher 2,6%), 2,8% in 2023 (vorher 1,8%) und 2,3% in 2024 (vorher 1,9%).
Von besonderer Bedeutung ist die 2024er-Projektion für die Inflationsrate. Sie liegt mittlerweile leicht über dem Zielwert von 2% und könnte ein Hinweis darauf sein, dass die EZB zu einer stärker als bisher erwarteten Straffung der Geldpolitik bereit ist.

Fazit: Die EZB wird im Juli ihre „Leitzins-Reise“ beginnen, die möglicherweise länger ausfällt, als bisher angenommen.