Die Anleihe ist zurück

Die Anleihe ist zurück

 

In den vergangenen Jahren spielten festverzinsliche Wertpapiere und längerfristige Sparprodukte in der Neuanlage vieler Anleger keine Rolle. Der Grund ist offensichtlich: Bei Nullzinsen (Sparprodukte) bzw. sogar Negativrenditen (sichere Anleihen) machten derartige Anlagen zumindest für Privatanleger, die eine Option auf verwahrentgeltfreie Kontoanlagen hatten, unter Ertragsgesichtspunkten wenig Sinn. Mit dem Zinsanstieg seit Jahresbeginn 2022 hat sich das Umfeld jedoch deutlich geändert. Lag die Rendite der 10-jährigen deutschen Bundesanleihe am Jahresanfang 2022 noch mit minus 0,12 Prozent im negativen Bereich, ist der Wert bis Anfang Mai auf 1,17 Prozent geklettert, ein Anstieg um ca. 1,3 Prozentpunkte in gerade einmal gut vier Monaten.

Die Gründe für diese Entwicklung liegen vor allem in den merklich über den Prognosen liegenden Verbraucherpreissteigerungen. Die anfängliche These der Notenbanken, die über den Zielwerten liegenden Inflationsraten wären nur von vorübergehender Natur, ließen sich mit der kriegsbedingten Verschärfung der vergangenen Monate nicht mehr aufrechterhalten. Dies gilt auch für die Europäische Zentralbank, die damit eher und stärker als erwartet gezwungen sein dürfte, sich mit einem schnelleren Rückzug aus ihrer expansiven Geldpolitik ihrer eigentlichen und einzigen Aufgabe, der Sicherstellung der Geldwertstabilität, zu widmen.

Es ist bereits viel vorweggenommen

Der Zinsanstieg der vergangenen Monate ging auch mit einem Anstieg der Risikoaufschläge für risikobehaftete Anleihen, z. B. von Unternehmen, einher, da diese mit steigenden Zinsen von sicheren Staatsanleihen weniger attraktiv erscheinen und sich die wirtschaftlichen Perspektiven mit dem Krieg in Europa und den unsicheren Preisüberwälzungsmöglichkeiten vieler Unternehmen eingetrübt haben.

Finanzmärkte tendieren dazu, Entwicklungen so gut es geht zu antizipieren. Bisher hat die Europäische Zentralbank noch keine konkreten Zinsschritte unternommen, die Märkte preisen aber bis zu drei Leitzinsanhebungen noch in diesem Jahr ein. Damit dürften die Märkte bereits viel vorweggenommen haben, was das Risiko für Kursverluste von Anlegern, die jetzt in den Anleihemarkt investieren, limitieren sollte. Vor dem Hintergrund einer sinkenden Wirtschaftsdynamik im Zuge steigender Leitzinsen und preisbedingt knapperer Verbraucherbudgets spätestens 2023 sollten die längerfristigen Zinsauftriebskräfte zudem begrenzt sein. Eine gute Orientierung für die längerfristige Zinsentwicklung bieten die an den Finanzmärkten gehandelten Inflationserwartungen. Mit diesem Finanzinstrument können Investoren die Inflationsraten in einem in fünf Jahren beginnenden 5-Jahreszeitraum absichern. Danach sollten die Inflationsraten (im Mai 2022 in der Euro-Zone: 8,1 Prozent) mittelfristig wieder deutlich sinken, wenn auch nicht mehr so tief wie noch in der Vergangenheit.

Über all dem schweben zudem noch die aus dem russischen Angriffskrieg einhergehenden Gefahren für die Konjunktur in Europa. Sollte es zu einer schwerwiegenden Störung der Gasversorgung kommen, könnte ein wirtschaftlicher Einbruch zinssenkend wirken.

Jetzt den Anfang machen

Wie kann ein Einstieg in die festverzinsliche Anlage aussehen? Das Thema Sicherheit dürfte an erster Stelle stehen. Anleihen haben zwar den Vorteil eines festen Rückzahlungsbetrages zum Fälligkeitstag, dennoch sind die Bewegungen der Zinsen auch für Anleger, die ihre Anleihen bis zur Fälligkeit behalten wollen, nicht irrelevant. Steigen die Zinsen nach Kauf, hätten sie sich mit einem späteren Kauf aufgrund des dann höheren Kupons bessergestellt. Je länger die Laufzeit, umso ausgeprägter würde dieser Nachteil eines nicht optimalen Kaufzeitpunktes ausfallen. Andererseits bringen längere Laufzeiten auch eine höhere Rendite und häufig reicht es für Anleger auch aus, kurzfristig nur einen Teil des Finanzanlagevermögens verfügbar zu haben.
Klar ist auch, dass die Verzinsung festverzinslicher Anleihen die derzeit besonders hohen Inflationsraten nicht kompensieren kann, somit also ein Realzinsverlust entsteht. Aber bereits mit mittleren Laufzeiten und moderaten Risikoaufschlägen können Verzinsungen um 2,5 Prozent erzielt werden. Da dies den mittelfristig erwarteten Verbraucherpreissteigerungen entspricht, würde perspektivisch ein realer Werterhalt anstrebbar sein.

Da es naturgemäß schwierig ist, den optimalen Einstiegszeitpunkt zu finden, bietet sich als Lösung der Aufbau einer Fälligkeitenstruktur an. Werden beispielsweise vier verschiedene Anleihen mit Laufzeiten von 3, 6, 8 und 10 Jahren gekauft, ergibt sich folgende Ausgangsposition: Steigen die Zinsen unerwartet, kann zumindest nach 3 Jahren bereits über 25 Prozent der Anlage ohne Verluste und mit einer weit über Geldmarktverzinsung liegenden Ausschüttung verfügt werden. Die Restlaufzeit der übrigen, etwas höherverzinslichen Papiere hat sich verkürzt, dies mindert zumindest deren – ohne einen tatsächlichen Verkauf – nur auf dem Papier bestehenden Verluste. Sinken die Zinsen oder bleiben sie gleich, hat sich ein „Bewertungspuffer“ aufgebaut. Grund ist, dass die alten Anleihen nun wegen ihrer höheren Kupons (beim Zinsrückgang) oder kürzeren Laufzeit (bei gleichbleibenden Zinsen) attraktiver als neue Papiere sind.

Die konkrete Umsetzung

Möchte sich ein Anleger nicht mit einzelnen Anleihen beschäftigen, können auf Anleihen spezialisierte Investmentfonds eine gute Lösung sein. Hierbei übernimmt das Fondsmanagement die Auswahl der einzelnen Anleihen nach Emittent und Laufzeit. Sinnvoll können hierbei vor allem Strategien sein, die auf einen Zusatzertrag aus Risikoprämien für schwächere Schuldner oder aus positiven Währungsveränderungen abzielen. Dabei können auch spezielle Bedürfnisse zur Nachhaltigkeit der Anlagen Berücksichtigung finden. Generell bevorzugen wir derzeit für eine breitere Anlage Anleihefonds mit dem Schwerpunkt guter und mittlerer Qualität („Investmentgrade“). Grundsätzlich weisen Anleihen das Risiko auf, dass der Emittent insolvent wird („Emittentenrisiko“). Bei Investmentfonds ist zudem auf das Marktpreisrisiko hinzuweisen, d. h. die Preise für alle Fondsbestandteile können sich ändern.

Aber auch ein ganz einfacher Einstieg in die festverzinsliche Anlage ist wieder möglich: Befristete Spareinlagen mit Laufzeiten von zwei bis 10 Jahren („Festzinssparen“) werfen derzeit (Stand 31.05.2022) Renditen von 0,40 Prozent (2 Jahre) bis 1,70 Prozent (zehn Jahre Laufzeit) ab! Etwas flexibler stellen sich Anleger mit dem Kauf von Inhaberschuldverschreibungen auf. Diese haben im Falle guter Bankschuldverschreibungen ähnliche Renditen, bieten aber die Möglichkeiten des zwischenzeitlichen Verkaufs über die Börse.

Sowohl aus Sicherheitsüberlegungen als auch aus Renditeerwägungen halten wir auch eine Anlage in Fremdwährungsanleihefonds für attraktiv. Hierbei geht es um festverzinsliche Anleihen hoher Qualität von Staaten, internationalen Organisationen oder bonitätsstarken Unternehmen, die in anderen Währungen begeben sind. Dabei favorisieren wir Währungen von Staaten, die im Vergleich zur Euro-Zone eine niedrige Verschuldung und gute wirtschaftliche Perspektiven aufweisen. Dies ist die „Sicherheitskomponente“, falls es in der Euro-Zone wirtschaftlich nicht so gut läuft und der Euro weiter an Wert verliert. Gleichzeitig hat der Anleger bei einer derartigen Anlagelösung den Vorteil, dass in anderen Währungen eine Zinswende schon deutlich früher stattgefunden hat und deshalb die Anleihen im Fonds in der Regel eine höhere Verzinsung als entsprechende Euro-Anleihen aufweisen.

Eine mögliche Anleihe-Muster-Allokation