Ein Neustart ist fällig

Ein Neustart ist fällig

.

Amerika, du machst es besser, konstatiert Professor Marcel Fratzscher*, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. Bernd Schimmer, Chef-Anlagestratege der Haspa, stimmt zu, will aber Deutschlands Licht nicht unter den Scheffel gestellt sehen.

Und beide sind sich einig, was die größte Herausforderung unserer Zeit angeht, den Klimawandel – auch wenn die Skepsis hinsichtlich der Fortschritte, die wir bei der Bekämpfung der Erderwärmung gemacht haben, zwischen den Gesprächspartnern ungleich verteilt ist.

Bernd Schimmer: Bevor wir zur K-Frage kommen, der nach den derzeitigen Krisen, lassen Sie uns einen Blick nach Amerika werfen. Bemerkenswert ist doch, dass die USA wieder zurück sind – was die wirtschaftliche Dynamik angeht, wenn es um den Auftritt auf der Bühne der Weltpolitik geht, mit einem wiederbelebten Engagement gegen den Klimawandel. Biden hat ein entschiedenes Bekenntnis zur klimaneutralen Wirtschaft abgelegt und dazu, dass die USA auf diesem Weg eine internationale Spitzenposition einnehmen sollen. Davor gab es einen amerikanischen Präsidenten, der all dies negiert und auf die Erdölindustrie gesetzt hat.

Marcel Fratzscher: Ich würde es so zusammenfassen: Wo Deutschland und Europa zaudern und zetern, da agieren die Amerikaner, und zwar mit Verve. Da stellt sich so etwas wie ein Déjà-vu ein, denn Vergleichbares haben wir nach der globalen Finanzkrise erlebt. Und wenn man sich heute die USA ansieht, dann haben sie dort ein dermaßen großes Konjunkturprogramm aufgelegt, dass die Prognosen von 6,5 oder 7 Prozent Wirtschaftswachstum plausibel sind – was höchstwahrscheinlich dazu führen wird, dass der durch die Pandemie bedingte Rückstand in diesem Jahr wieder aufgeholt sein wird.

Bernd Schimmer: Wobei ich durchaus Hoffnungen hege, dass wir in Deutschland und Europa auch ein Stück weit als Trittbrettfahrer profitieren können werden. Die neuen Stimuli in den USA werden möglicherweise durch ein erhöhtes Steueraufkommen, auf jeden Fall aber durch neue Schulden finanziert, was zu tolerieren ist, wenn das Geld investiv und nicht konsumptiv genutzt wird. Denn dann kann die Leistungsfähigkeit der amerikanischen Volkswirtschaft tatsächlich zulegen und ihr Potenzial ausspielen. Meine Hoffnung setze ich darauf, dass die so von den USA erreichte Benchmark von Europa dann auch als Zielmarke erkannt wird, die angepeilt werden muss, um nicht noch weiter ins Hintertreffen zu geraten. Das wäre dann ein positiver Nachahmereffekt.

Marcel Fratzscher: Da stimme ich Ihnen zu. Mit Blick auf die USA können wir einerseits erkennen, wie man es besser machen kann, und zum anderen profitiert Deutschland als Exportnation natürlich davon, wenn die wirtschaftliche Entwicklung in den USA auch zu einer erhöhten Nachfrage nach deutschen Gütern führt. Im Übrigen gibt Amerika ja keineswegs in jeder Hinsicht ein leuchtendes Beispiel ab, seine Schwächen, etwa im Sozialen, sind nicht zu leugnen.

Bernd Schimmer: Und wenn es um Deutschland geht, besteht aktuell doch kein Anlass zu großer Unzufriedenheit. Natürlich, was die binnenbezogenen Faktoren angeht, da ist die Wirtschaftsleistung zwar nicht im Lockdown, aber doch stark heruntergefahren, besonders im Dienstleistungsbereich, wie sollte es auch anders sein. Mit der exportorientierten Wirtschaft profitieren wir allerdings besonders von der Zugkraft Chinas, das die Pandemie ja sehr viel früher bewältigt hat, dessen Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr nicht geschrumpft ist und in diesem um acht oder neun Prozent zulegen wird. Davon profitiert Deutschland ja in besonderem Maße, und das ist auch der Grund, weswegen wir im Jahr 2020 „nur“ um fünf Prozent nachgegeben haben. Bei uns gibt es also zurzeit eine harte Zweiteilung der wirtschaftlichen Aktivitäten, und beim Blick auf die industriellen Indikatoren stellt sich der Eindruck ein, dieser Bereich stehe kurz vor dem Überkochen.

„Wir müssen jetzt den CO2 -Ausstoß reduzieren, nicht erst in fünf Jahren.“
Während die Pandemie nur eine temporäre Krise darstellt, bedeutet der Klimawandel eine permanente Veränderung und ist die größte Herausforderung unserer Zeit.

Marcel Fratzscher: Es gibt Anlass für gebremsten Optimismus, keine Frage, und die Nachfrage aus China und Asien insgesamt ist verantwortlich dafür, dass wir im Vergleich zum restlichen Europa während der vergangenen Monate besser abgeschnitten haben. Tatsächlich hätten wir im letzten Jahr nach der ersten Welle der Pandemie nicht mit einer so schnellen Erholung der Wirtschaftsleistung gerechnet. Dieser optimistische Blick spiegelt sich ja auch in den Aktienkursen wieder, die keineswegs nur von expansiver Geldpolitik getrieben sind. Ja, wenn diese Pandemie zu guter Letzt einmal vorbei ist, kann der fällige Neustart gelingen. Im Übrigen gilt es, die Relationen im Auge zu behalten: Die Pandemie stellt aller Voraussicht nach eine temporäre Krise dar, doch der Klimawandel bedeutet eine permanente Veränderung. Und das heißt, dass wir permanent unser Verhalten, unsere Art zu wirtschaften, zu produzieren ändern müssen, grundlegend verändern müssen. Leider hat die Pandemie jetzt dazu geführt, dass viele nur dahin wieder zurück wollen, wo wir vorher standen, den Status quo wieder etablieren möchten: „Wir wollen alles wieder so wie in den 2010er-Jahren, da ist es doch für Deutschland gut gelaufen“. Ein ebenso verständlicher wie naiver Wunsch: Der Klimawandel wird zu tiefgreifenden wirtschaftlichen, sozialen, politischen Verwerfungen führen.

Bernd Schimmer: Ein bisschen klimaneutrales Wasser in den Wein zu schütten, damit wird es nicht getan sein. Aber was mich positiv überrascht hat, sind Vorstöße Bidens aber auch von Seiten der EU wie Next Generation oder der European Green Deal, bei denen es letzten Endes um Investitionen in die Bekämpfung des Klimawandels geht und auch in Digitalisierung, denn auch die Technologie kann uns helfen, klimafreundlicher zu wirtschaften. Deswegen geht mir die Hoffnung auch nicht aus – denn trotz der Pandemie haben wir solche langfristig angelegten Zielsetzungen zur Eindämmung des Klimawandels, zumindest auf politischer Ebene nicht aus dem Blick verloren. Anders als bei anderen Krisen wurden die guten Vorsätze von gestern jetzt nicht vom Tisch gewischt.

Marcel Fratzscher: Prinzipiell gebe ich Ihnen recht. Meine Sorge ist allerdings: Es kommt da wenig, viel zu wenig. Wenn ich mir etwa die Klimaschutzziele der Bundesregierung bis 2030 anschaue, dann sieht der dort festgelegte Pfad so aus: Wir sparen relativ wenig CO2 in den kommenden fünf Jahren ein, aber dann, ab 2026, dann wird es super, dann legen wir so richtig los. Kurz gesagt, die jetzige Regierung möchte die Anstrengung lieber einer künftigen überlassen. Ja, Sie haben recht, es bewegt sich was. Aber nach meiner Einschätzung bewegt sich zu wenig, um die Erderwärmung abzubremsen, es geht zu langsam voran. Wir müssen jetzt den CO2-Ausstoß reduzieren, nicht erst in fünf Jahren.

Bernd Schimmer: Wir stimmen überein, dass wohl die größte Herausforderung unserer Zeit der Klimawandel ist, und wenn dem so ist, dann sollten die Unternehmen, die diese Herausforderung am besten meistern, ja auch die besten Wachstumschancen haben, die höchsten Bewertungen einfahren, ihre Aktien also schlussendlich die höchsten Kurse erreichen. Dem legitimen Wunsch eines Anlegers nach einer angemessenen Rendite steht eine klimafreundliche Ausrichtung zumindest längerfristig nicht im Wege, ganz im Gegenteil.

Marcel Fratzscher: Daran anknüpfend, dass sich hier auch Chancen auftun für Privatanleger, auch für kleine Sparer, möchte ich noch ergänzen, was der Staat, was öffentliche Institutionen tun können, um diese Transformation zu unterstützen. Bei der Geldpolitik ließen sich grüne Investitionen, wenn nicht bevorzugen, so doch zumindest nicht benachteiligen. Wenn man beispielsweise betrachtet, welche Unternehmensanleihen die EZB gekauft hat, dann muss man einen starken Fokus auf Unternehmen mit einem großen Umwelt- und Klimafußabdruck konstatieren. Hier auch nur eine gewisse Neutralität zu schaffen, ist ein moderates, aber wichtiges Ziel. Die Bundesregierung hat im vergangenen Jahr zum ersten Mal eine grüne Anleihe ausgegeben, um aktiv die Lenkungsfunktion von Anlagekapital zu fördern. Hier geht es um Synergien, bei denen der Staat mit verlässlichen Rahmenbedingungen die richtigen Anreize setzen kann, auch für Privatanleger und Sparer. Hier gibt es noch sehr viel Potenzial, um dies zu verbessern und intensivieren.,

* = Der Makroökonom Marcel Fratzscher leitet seit 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und lehrt an der Humoldt-Universität zu Berlin. In Jugendzeiten brachte er es als Tischtennisspieler in die 2. Bundesliga, heute brilliert er bei Diskussionen mit argumentativen Aufschlägen.