Wo die Zukunft gehandelt wird

 

Die Börse lebt nicht im Hier und Jetzt, sondern im
Morgen und Übermorgen. Da ist es für Anleger von Vorteil,
wenn sie bisweilen ihrer Zeit etwas voraus sind.

Am 9. November 2020 war die Pandemie beendet. Abgehakt.

Leider nicht für Sie und nicht für mich, doch für die Börse. An diesem Tag ging durch die Medien, dass das Mainzer Unternehmen Biontech mit seinem potenziellen Corona-Impfstoff unmittelbar vor dem Durchbruch stehe. Zwischenergebnisse aus einer Studie seien überaus positiv – für geimpfte Studienteilnehmer habe sich das Risiko zu erkranken um mehr als 90 Prozent reduziert. Damit war das rettende Ufer zwar längst nicht erreicht, aber doch schon in Sicht, und solch positive Perspektiven reichen, um nervöse Aktienmärkte weitgehend zu beruhigen. Denn schließlich  iegt es in ihrer Natur, auf die Zukunft fokussiert zu sein, doch dabei geht es nicht um Voreiligkeit.

So führte denn auch die Triumphmeldung von Biontech im November vergangenen Jahres dazu, dass die an der amerikanischen NASDAQ notierten Technologieaktien Kursverluste hinnehmen mussten – bis dahin hatten E-Commerce und Cloud-Services enormen Auftrieb durch die Pandemie erfahren, und diese starke Unterstützung, so schlossen die Marktteilnehmer, würde sich jetzt abschwächen. Der Euro Stoxx 50 und damit die „Old Economy“ bekam durch das in Sicht kommende  Ende der weltweiten Infektionswelle andererseits wieder Oberwasser, und die Kurse stiegen.

Was macht den Wert einer Aktie aus?

Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, aber im Wesentlichen wird der Wert einer Aktie bestimmt durch einen Zahlungsstrom aus der Zukunft. Wie viel Wachstum wird das Unternehmen, an dem ich als Aktionär Teilhaber bin, in den kommenden Jahren generieren, wieviel Gewinn erwirtschaften, gleichgültig, ob ich daran durch Kursgewinne oder durch Dividenden  rofitieren werde?
Börse heißt, einen Schritt voraus sein zu müssen, heute vorliegende Fakten zu analysieren und auf dieser Grundlage Szenerien des Morgen auszuarbeiten. Das ist an sich interessant und wird noch spannender dadurch, dass so manches, was morgen kommt, innovativ ist.

Innovation wiederum birgt naturgemäß Wachstumschancen in sich. Wachstum ist ein Begriff, der die Augen der Börsianer zum Glänzen bringt, doch dabei sollte nicht in Vergessenheit geraten,  ass es dabei sehr oft auch Durststrecken zu überwinden gilt. Das Erfolgsunternehmen Amazon hat beispielsweise trotz sehr hoher Bewertungen jahrelang Verluste geschrieben und nichts für seine Aktionäre getan – die allerdings profitierten in dieser Zeit dennoch von Kursgewinnen. Erfindergeist, Innovationskraft kann die Welt voranbringen, und das honoriert die Börse.

Zu Recht, denn  Unternehmen mit starkem Wachstumspotenzial, die an der Börse unter dem Anglizismus „Growth“ firmieren, locken mit hohen Gewinnchancen. Die Googles, Facebooks, Apples und Amazons dieser Growth-Welt sind da immer wieder angeführte Paradebeispiele. Dabei werden andere Namen wie Myspace, Altavista oder CompuServe in aller Regel vergessen – kein  Wunder, denn diese teils milliardenschweren Stars des digitalen Zeitalters sind längst erloschen, trotz der in sie gesetzten hohen Erwartungen. Um es auf den Punkt zu bringen: Hoch dynamische, auf Wachstum gepolte und innovative Unternehmen bieten hohe Gewinnchancen, keine Gewinngarantien, und deswegen ist ein Privatanleger schlecht beraten, wenn er sie zu stark in seinem  Portfolio gewichtet.

So hat es sich bewährt, als Gegengewicht auch sogenannte Substanztitel im Wertpapierdepot zu halten. Aktien von Unternehmen, die nicht für hochfliegende Erwartungen gut sind, aber für ein nachhaltig tragfähiges Geschäftsmodell, eine gefestigte Position am Markt.

Substanztitel, ebenfalls im Börsenjargon anglisiert und als „Value“ bezeichnet, stabilisieren das Portfolio und erlauben dem Anleger so, eine insgesamt höhere Aktienquote zu fahren.

Außerdem hat er mit Value-Aktien auch das Thema stetige Erträge abgehakt – verlässliche Dividendenzahler fallen in aller Regel in diese Kategorie.
Doch auch Dividenden-Liebhaber sollten sich nicht zur Einseitigkeit verführen lassen, denn einzig und allein auf Substanztitel zu setzen, bringt, zumindest über längere Zeiträume gesehen, gewisse Abschläge bei der Rendite mit sich.

Die Börse ist eben auf Zukunft gepolt – und das sollte auch der Privatanleger zumindest ein Stück weit sein und auch Anteile an innovativen Unternehmen mit dem Zeug zu sehr dynamischem Wachstum halten.