Inflationsangst: Was machen die Notenbanken?

veröffentlicht am 20. Mai 2021

Inflationsangst: Was machen die Notenbanken?

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Das dominierende Thema am Kapitalmarkt ist derzeit die Inflation. Und daraus abgeleitet die Angst vor einer restriktiveren Geldpolitik mit deutlich höheren Zinsen, die sowohl am Aktien- als auch am Anleihemarkt die Kurse unter Druck setzen dürften.

April mit sehr hohen Inflationsraten

Im April fielen die „Headline“-Inflationsraten in Deutschland und den USA überraschend hoch aus. Sie umfassen den kompletten Verbraucherpreisindex.

Werden sie sich in absehbarerer Zeit wieder ermäßigen, wie es die Notenbanken erwarten? Oder handelt es sich um einen strukturell bedingten Preisanstieg, der in den nächsten Jahren für permanenten Preisauftrieb sorgt, der die Inflationsraten dauerhaft über die Zielwerte treibt? Worauf achten die Notenbanken?

Fazit vorweg: Die aktuell überraschend stark steigenden Inflationsraten beruhen nach Einschätzung der Notenbanken hauptsächlich auf Einmaleffekten. Sie sehen „hindurch“ und werden noch nicht zu einer restriktiveren Geldpolitik wechseln, da sie ab 2022 mit einem nachlassenden Preisauftrieb rechnen.

US-Notenbank zielt auf Vollbeschäftigung

Die US-Notenbank hat die Rückkehr zur Vollbeschäftigung zu ihrem Hauptziel erklärt. Dieses dürfte in der ersten Jahreshälfte 2022 erreicht werden.

Zudem soll die Inflationsrate längere Zeit über dem Zielwert von 2% liegen. Dabei schaut sie auf die Preisentwicklung bei den Konsumausgaben der privaten Haushalte. Und hier vor allem auf die um Energie- und Nahrungsmittelpreise bereinigte Kernrate der Konsumausgaben (Core PCE, Personal Consumption Expenditures). Die Core PCE lag im März bei 1,8% und dürfte im April auf etwa 2,5% gestiegen sein. Im weiteren Jahresverlauf dürfte sie zunächst noch relativ hoch bleiben, später jedoch wieder in den Zielbereich um 2% zurückkehren.

USA: Kernrate der Konsumausgaben privater Haushalte (Core PCE)

Die obige Grafik basiert auf den bisher gemeldeten Core PCE-Inflationsraten bis einschließlich März. Der weitere Jahresverlauf wurde mit dem jeweiligen Saisonmuster der vergangenen zehn Jahre simuliert. Die sich daraus ergebenden Werte sind rot dargestellt. Sie dürften in der Realität etwas höher ausfallen, da der aktuelle Preistrend stärker ist als es das langjährige Muster widerspiegelt.

Die US-Notenbank erwartet in ihren aktuellen Projektionen im Jahresdurchschnitt 2021 einen Wert von 2,2%, der 2022 auf 2,0% zurückgehen und 2023 auf 2,1% steigen soll. Mitte Juni werden die Projektionen aktualisiert. Es ist davon auszugehen, dass sie angehoben werden. Allerdings nicht so stark, dass die Fed zu einer restriktiveren Geldpolitik übergehen muss.

Der US-Leitzins wird nach unserer Einschätzung auch 2022 in der aktuellen Spanne zwischen 0,00% und 0,25% verharren. Die Anleihekäufe von monatlich 120 Mrd. USD dürften jedoch im nächsten Jahr reduziert werden.

EZB zielt auf Preisniveaustabilität

Die Europäische Zentralbank (EZB) ist gesetzlich verpflichtet, die Preisniveaustabilität in der Euro-Zone zu gewährleisten. Sie ist erreicht, wenn die Euro-Inflationsrate dauerhaft den Zielwert von „nahe, aber unter 2%“ erreicht hat.

Das Ziel wurde in den vergangenen Jahren meist verfehlt. Im April lag die Inflationsrate bei 1,6%. Für das Gesamtjahr 2021 zeichnet sich auf Basis des Saisonmusters (rote Balken) ein Wert von 1,7% ab. Da der aktuelle Preistrend jedoch auch hier stärker ausgeprägt sein sollte als das langjährige Mittel, dürfte die Euro-Inflationsrate 2021 bei etwa 2% liegen.

Die EZB rechnet in ihren Projektionen vom März 2021 mit Inflationsraten von 1,5% in diesem Jahr, 1,2% in 2022 und 1,4% in 2023. Im Juni werden die überarbeiteten Projektionen präsentiert. Es ist davon auszugehen, dass die Inflationsprognosen spürbar angehoben werden. Sie dürften im Bereich des Zielwertes liegen, so dass die EZB nicht zu einer restriktiveren Geldpolitik übergehen muss.

Die Euro-Leitzinsen werden wohl noch längere Zeit unverändert bleiben, die Anleihekäufe dürften jedoch im nächsten Jahr reduziert werden. Die Bereitstellung zusätzlicher Liquidität über gezielte längerfristige Refinanzierungsgeschäfte dürften letztmalig im Dezember erfolgen.

Warum ist die Euro-Inflation so niedrig?

In Deutschland stiegen die Verbraucherpreise im April aufgrund mehrerer Sondereffekte um 2,0%, in Spanien sogar um 2,2%. In Frankreich und Italien dagegen lagen die Inflationsraten nur bei 1,2% bzw. 1,1%. Der gewichtete Durchschnitt dieser vier Länder, die für etwa drei Viertel des Euro-Bruttoinlandsprodukts stehen, lag im April bei etwa 1,6%.

Für das Gesamtjahr 2021 zeichnen sich in Frankreich und Italien Teuerungsraten von etwa 1,5% ab. In Spanien und Deutschland dürften sie bei 2% liegen. Daraus resultiert eine gewichtete Euro-Inflationsrate von knapp 2%.

Gibt es einen strukturellen Anstieg der Inflation?

Aus den Äußerungen der Notenbanken ist zu entnehmen, dass sie nicht davon ausgehen. Ein struktureller Anstieg würde bedeuten, dass der Preisauftrieb permanent neue Nahrung erhält. Dies wäre der Fall bei einer Lohn-Preis-Spirale, bei der die Unternehmen deutlich höhere Löhne durch deutlich höhere Verkaufspreise kompensieren. Da weder in den USA noch in Europa Vollbeschäftigung herrscht, ist eine Lohn-Preis-Spirale allerdings nicht in Sicht.

Der aktuelle Höhenflug der Rohstoffpreise und die teilweise dramatische Verteuerung der Vorprodukte wie Holz und Stahl wird über Zweitrundeneffekte in den Warenkorb, mit dem die Verbraucherpreise gemessen werden, einfließen. Ihr Einfluss dürfte jedoch nicht so ausgeprägt sein, dass er die Teuerungsrate nachhaltig über den Zielwert treibt.

Letztendlich ist die Inflationsberechnung ein Jahresvergleich. „Um wieviel teurer ist das Leben heute im Vergleich zum Vorjahr?“ lautet die Frage. Rohstoffe, Metalle und Energie sind heute sehr viel teurer als im Frühjahr 2020. Sollten sie im Frühjahr 2022 noch genauso teuer sein wie heute, wären sie dann „inflations-neutral“.

Fazit: Der aktuelle Höhenflug der Rohstoff- und Energiepreise wird in diesem Jahr für höhere Inflationsraten sorgen. Sobald die Preise allerdings in einen Seitwärtstrend übergegangen sind, wächst ihr inflationstreibender Einfluss im Laufe eines Jahres komplett aus der Inflationsmessung hinaus.