Notenbanken: Was machen die Zinsen?

veröffentlicht am 7. Mai 2021

Notenbanken: Was machen die Zinsen?

Als größte Risiken für den Höhenflug am Aktienmarkt gelten eine weniger expansive Geldpolitik der Notenbanken sowie überschießende Inflationsraten. Als die frühere US-Notenbankpräsidentin und heutige US-Finanzministerin Yellen kürzlich darauf hinwies, dass die Zinsen eventuell leicht steigen müssten, um eine Inflationsbeschleunigung zu verhindern, ging es an den Aktienbörsen kurzfristig steil bergab.

Wann steigen die Leitzinsen?

Einige Zentralbanken aus der „zweiten Reihe“ wie Kanada und Norwegen signalisierten kürzlich, dass sie ihre Leitzinsen wohl schon Ende 2022 anheben könnten.

Von den Zentralbanken der „ersten Reihe“ aus den USA, Europa und Japan gibt es bisher keine entsprechenden Signale.

US-Notenbank

Die US-Notenbank (Fed) gibt sich entspannt. Die aktuellen Projektionen enthalten bis einschließlich 2023 die aktuelle Leitzinsspanne von 0,00% bis 0,25%. Die von der Fed besonders beachtete Kernrate der Konsumausgaben wird bei gut 2% gesehen, ist also kompatibel mit dem US-Inflationsziel. Durch die in den nächsten Monaten voraussichtlich deutlich darüber hinaus gehenden Inflationsraten wird „hindurchgesehen“, da sie ab 2022 wieder abnehmen sollen.

Europäische Zentralbank

Der Präsident der Deutschen Bundesbank fordert, die geldpolitischen Zügel wieder anzuziehen, wenn es der Preisausblick erfordert. Sprich: Wenn die Inflationsrate der Euro-Zone den Zielwert von „nahe, aber unter 2%“ dauerhaft erreicht hat. Dies ist weiterhin nicht in Sicht. Die EZB rechnet mit Inflationsraten von 1,6% in diesem Jahr, 1,3% in 2022 und 1,5% in 2023.

Wie können die Notenbanken den Ausstieg aus der extrem expansiven Geldpolitik beginnen?

Weniger Anleihen kaufen

Die US-Notenbank kauft monatlich für 120 Mrd. USD Anleihen und will daran bis zum Jahresende festhalten. Angesichts der ausgezeichneten konjunkturellen Perspektiven dürfte sie die Käufe in 2022 reduzieren, vielleicht sogar auslaufen lassen.

Die EZB kauft keinen festen Monatsbeträge, sondern handelt flexibel. Sie will ihre Käufe im laufenden Quartal erhöhen. Das Pandemie-Notfallankaufprogramm PEPP läuft noch bis mindestens März 2022. Sollte die Pandemie dann weitgehend beherrschbar sein, dürfte PEPP beendet werden. Anleihekäufe dürften jedoch weiterhin im Rahmen des „normalen“ Ankaufprogramms APP erfolgen. Allerdings wohl nicht in dem Umfang wie beim PEPP.

Die Bank of England beschloss, ihre wöchentlichen Anleihekäufe ab Mitte Mai um 1 Mrd. Pfund zu reduzieren, von 4,4 Mrd. GBP auf 3,4 Mrd. GBP.

Andere Notenbanken dürften folgen.

Refinanzierungsgeschäfte beenden

Die Notenbanken versorgen das Bankensystem mit zusätzlicher Liquidität, indem meist dreijährige Refinanzierungsgeschäfte angeboten werden.

Die EZB bietet diese TLTRO genannten Geschäfte noch bis Dezember 2021 an. Möglicherweise beschließt sie demnächst, sie danach einzustellen. Damit würden den Banken noch bis zur Rückzahlung Ende 2024 sehr günstige Finanzierungsmittel zur Verfügung stehen.

Die australische Notenbank stellt ihre Refinanzierungsgeschäfte zur Jahresmitte ein.

Fazit: Höhere Leitzinsen sind bei Fed und EZB nicht in Sicht. Die Bereitstellung zusätzlicher liquider Mittel durch die Notenbanken dürfte jedoch spätestens im nächsten Jahr reduziert werden. Bereits im Vorfeld dürften die Renditen tendenziell anziehen. Wir rechnen bei den 10-jährigen Staatsanleihen am Jahresende mit minus 0,20% in Deutschland und 1,90% in den USA. Ende 2022 sollten die entsprechenden Werte bei 0,00% in Deutschland und 2,50% in den USA liegen.