Vertrauen ist gut …

Vertrauen ist gut …

… aber Vertrauensseligkeit ist gefährlich.

Gerade in Krisenzeiten werden verstärkt unseriöse Investments und dubiose Anlagemodelle angepriesen.

Doch gegen solches Blendwerk hilft in aller Regel ein schlichter Fakten-Check.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, diese Maxime wird dem russischen Revolutionär Lenin zugeschrieben, findet sich allerdings nirgends in seinen Schriften. Wer nun auch immer der tatsächliche Urheber war – das misanthropische Misstrauen, das aus der Parole spricht, gefällt mir nicht so recht, das Menschenbild dahinter ist mir zu negativ gefärbt. Schließlich ist Vertrauen ein wesentliches Bindeglied in unserem Leben und zu weiten Teilen auch im Wirtschaftsleben. Chronisches Misstrauen wirkt zersetzend auf die Gesellschaft.

Ohne Zweifel gibt es ja Institutionen, zu denen man Vertrauen haben kann, zur Feuerwehr etwa, um nur eine zu nennen. Und Vertrauen aufzubauen kann ein sehr langwieriger Prozess sein, an ihrer Vertrauenswürdigkeit hat beispielsweise die Hamburger Sparkasse seit dem Jahr 1827 an jedem Geschäftstag gearbeitet, und das mit Erfolg; ich hoffe, da stimmen Sie mir zu.

Auf der anderen Seite kommen mir in letzter Zeit vermehrt Fälle von Anlagebetrug und -tricksereien zu Ohren. Geprellte Investoren, die gar zu gutgläubig waren, sind gerade in Krisenzeiten leider keine Seltenheit. Und wir leben ja tatsächlich in Zeiten, in denen manch sicher Geglaubtes bröckelt und ins Rutschen kommt – mit Fokus auf die Finanzwelt lässt sich etwa von einer mittlerweile Jahre anhaltenden Niedrig- und Nullzins-Pandemie reden.

Wer in lang laufende Bundesanleihen investiert, erhält heutzutage eine negative Rendite. Und europäische Kreditinstitute, die nicht einfach Geld bei der Europäischen Zentralbank „parken“, wie es immer wieder so beschönigend heißt, sondern gar nicht anders können und dort Einlagen vorhalten: Bei -0,5 Prozent liegt aktuell der Strafzins der EZB. (Strafe wofür, könnte man fragen, aber das würde hier zu weit führen.)

In diesem Klima, angesichts eines häufig ausgerufenen Anlagenotstands lassen sich Privatanleger zu oft vom rettenden Ufer einer renditestarken, aber risikoarmen Geldanlage locken, tatsächlich aber nur aufs Glatteis führen.

Das Mittel der Wahl dagegen ist in aller Regel nicht nagendes Misstrauen, sondern gesunde Skepsis, die sich in einer simplen Frage ausdrückt: Wie ist das möglich? Angesichts besagter Strafzinsen für Kreditinstitute bei der EZB ist es beispielsweise kaum machbar, dass sie ihrerseits ihren Kunden eine attraktive Verzinsung auf Einlagen bieten. Wie auch? Da sind 0,2 Prozent p. a. schon echte Kampfkonditionen. Aber 2 Prozent? Wie ist das möglich? Durch deutlich erhöhtes Risiko vielleicht? Oder weil das vermeintlich attraktive Zinsangebot auf das Sammeln und Verwerten der Kontoumsatzdaten abzielt?

Ein breit diversifiziertes Aktieninvestment kann auch heute noch langfristig eine stattliche Überrendite gegenüber den risikoärmsten Anlagen wie etwa Bundesanleihen erzielen -5 Prozent im Jahresdurchschnitt sind eine realistische Annahme. Und wieder die Frage: Wie ist das möglich? Nur dadurch, dass der Anleger ein deutliches Schwankungsrisiko auf sich nimmt. In der englischsprachigen Finanzwelt gibt es den Begriff „Equity Premium“ für dieses „Schmerzensgeld“, das der Anleger am Ende dafür erhält, dass er sich auf das Auf und Ab der Börsen einlässt.

Aber mehr als 5 Prozent? Wer kann das versprechen? Wie ist das möglich? Sollte nicht inzwischen die Quadratur des Kreises für die Finanzmärkte entdeckt worden sein, dann nur in Verbindung mit einem deutlich erhöhten Ausfallrisiko. Anders als bei einem über Branchen und Weltgegenden gestreuten Aktieninvestment erträgt der Anleger hier nicht nur gelegentlich heftige Wertschwankungen, sondern muss bereit sein, Einbußen bis hin zum Totalverlust einzustecken.

Das macht ein Anlagemodell oder ein Finanzprodukt wenig empfehlenswert, aber noch nicht per se unseriös. Erst wenn der Anbieter eine Rendite in Aussicht stellt, die weit über dem Marktüblichen liegt, und gleichzeitig die Sicherheit des Konstrukts anpreist, sollten die Alarmglocken schrillen. Denn dann ist die Antwort auf die Frage „Wie geht das?“: Gar nicht.

Bei Geldanlagen ist ein nüchterner Fakten-Check, eine simple Plausibilitätsprüfung ein sehr wirksamer Schutz gegen Trickser und Blender. Und zumindest in dieser Hinsicht kann ich sogar aus voller Überzeugung Lenin zustimmen. Denn der benutzte, und das ist gut belegt, oft eine alte russische Redewendung: „Vertraue, aber prüfe nach.“

19.02.2021 Kolumne von Bernd Schimmer