Handelsabkommen verhindert Talfahrt des Pfundes

veröffentlicht am 8. Januar 2021

Handelsabkommen verhindert Talfahrt des Pfundes

Ende 2020 einigten sich die Europäische Union (EU) und Großbritannien (GB) quasi in letzter Minute auf ein Handels- und Kooperationsabkommen, das den wirtschaftlichen Schaden des Brexit begrenzen soll. Für Waren gibt es weiterhin keine Zölle oder Mengenbegrenzungen. Es sind allerdings Kontrollen sowie Ein- und Ausreiseformalitäten erforderlich, die den Handel erschweren.

Pfund stabilisiert

Gleichwohl hat das Abkommen den drohenden Absturz des Pfund Sterling (GBP) in Richtung Parität verhindert. Die britische Währung stabilisierte sich im Bereich um 90 Pence pro Euro. Seit Anfang 2020 verlor das Pfund gegenüber dem Euro gut 6%, seit der Abstimmung über den Brexit im Juni 2016 sind es sogar knapp 18%.

Fazit vorweg: In der Annahme, dass das Handelsabkommen dem Wechselkurs einen tragfähigen Boden eingezogen hat, dürfte das weitere Abwärtspotenzial begrenzt sein. Sollten sich die neuen Handelsregeln als dauerhaft belastbar erweisen, dürfte das Pfund Sterling sogar wieder „ein paar Gramm” zulegen.

BIP 2021: plus 4%

Das britische Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im 3. Quartal um 16,0% zum Vorquartal zu, nachdem es zuvor allerdings um 18,8% (!) implodierte. Im Schlussquartal dürfte es wegen des aktuellen Lockdown erneut geschrumpft sein. Für das Gesamtjahr 2020 zeichnet sich damit ein Minus von 10,5% ab. Im neuen Jahr rechnen wir mit einer Erholung und einem Zuwachs des BIP um 4%.

Inflationsrate weit unter Zielwert

Die Inflationsrate lag im November mit 0,3% weit unter dem Zielwert der Bank of England (BoE) von 2,0%. Nach Einschätzung der Notenbank dürfte sie nach dem Winterhalbjahr deutlich ansteigen. Gleichwohl wird der Zielwert voraussichtlich erst in etwa zwei Jahren erreicht.

Leitzins unverändert

Im Vorfeld des Austritts Großbritanniens aus der EU ließ die BoE den Leitzins im Dezember bei 0,10%. Auch die vor einigen Monaten angestellten Überlegungen, die Bank Rate möglicherweise mit einem negativen Vorzeichen zu versehen, wurden nicht weiter konkretisiert.

Anleihekaufprogramm unverändert

Die Mittel für Anleihekäufe blieben unverändert bei 895 Mrd. Pfund Sterling (GBP). Davon entfallen 20 Mrd. GBP auf Unternehmensanleihen und 875 Mrd. GBP auf Staatsanleihen. Bis zum 9. Dezember wurden bereits knapp 740 Mrd. GBP investiert.

Hintergrund: Die Bank of England erwarb im Rahmen eines Quantitative Easing (QE) von 2009 bis 2012 Staatsanleihen im Volumen von 435 Mrd. GBP, um die Folgen der damaligen Weltwirtschaftskrise abzufedern. Zudem wurden Unternehmensanleihen für 10 Mrd. GBP gekauft.

Im März 2020 erhöhte die BoE das Ankaufvolumen um 200 Mrd. GBP, um die Folgen der Corona-Pandemie abzumildern. Mitte Juni 2020 wurde das Kontingent um 100 Mrd. GBP auf 745 Mrd. GPB aufstockt und im November 2020 erfolgte eine weitere Erhöhung um 150 Mrd. GBP auf 895 Mrd. GBP.

Hohe Defizite

Im fundamentalen Datenkranz für 2021 ragen das Haushaltsdefizit mit geschätzten 9,2% des BIP sowie das Leistungsbilanzdefizit von 3,8% des BIP negativ hervor. Auch die voraussichtlich auf 111% des BIP steigende Staatsschuldenquote liegt über dem europäischen Durchschnitt.

Hintergrund: Das Brexit-Drama im Zeitraffer

Am 29. März 2019 wollte Großbritannien eigentlich die Europäische Union verlassen. Ursächlich war eine Volksabstimmung im Juni 2016, bei der eine knappe Mehrheit der Wähler für den Austritt aus der EU votierte, dem Brexit.

Seither wurde an einer Vereinbarung über die Art der künftigen Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU gearbeitet, dem Austrittsabkommen. Dies wurde nach zähen Verhandlungen Mitte November 2018 vorgelegt. Das britische Kabinett stimmte widerwillig und um den Preis einiger Ministerrücktritte zu.

Auch die Staats- und Regierungschefs der EU billigten den “Scheidungsvertrag”. Das britische Parlament lehnte ihn jedoch mehrfach ab.

Da es für den vorgelegten Austrittsvertrag im britischen Parlament keine Mehrheit gab, einigte man sich mit der EU zunächst auf eine Verschiebung auf den 31. Oktober 2019.

Das Parlament verabschiedete im September 2019 ein „No-No-Deal-Gesetz”, das einen Ausstieg ohne Vertrag verbot. Da bis zum 19. Oktober immer noch kein mehrheitsfähiger Austrittsvertrag vorlag, wurde die Frist bis Ende Januar 2020 verlängert.

Am 12. Dezember 2019 fand die vorgezogene Neuwahl des Unterhauses statt.

Im 1. Februar 2020 verließ Großbritannien die EU. Eine zehnmonatige Übergangsphase begann.

Im Juni 2020 lehnte die britische Regierung eine erneute Verlängerung der Verhandlungsfrist ab.

Am 24. Dezember 2020 wurde eine Einigung über ein Handels- und Kooperationsabkommen erzielt.