Aus den Schulden hinauswachsen?

veröffentlicht am 23. Dezember 2020

Aus den Schulden hinauswachsen?

Die deutschen Staatsschulden sind laut Statistischem Bundesamt im 3. Quartal 2020 auf den Rekordwert von 2.195 Mrd. EUR gestiegen. Ursächlich war vor allem die Aufnahme finanzieller Mittel für Maßnahmen zur Bewältigung der Corona-Krise. Im Vergleich zum Jahresende 2019 wuchs der Schuldenberg um 15,6 % oder 296 Mrd. EUR.

Der bisherige Höchststand wurde 2012 mit 2 068 Mrd. EUR erreicht. Bis Ende 2019 gingen die öffentlichen Schulden auf 1.899 Mrd. EUR zurück, ehe sie im Zuge der Pandemie auf den heutigen Rekordstand kletterten.

Höchstens 60%

Die Staatsschuldenquote soll gemäß Maastrichter Vertag bei höchstens 60% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen. Sie errechnet sich, indem die Staatsschulden in Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt gesetzt werden.

Das nominale BIP ist das BIP in jeweiligen Preisen und lag 2019 bei 3.449 Mrd. EUR. Die Staatsschulden beliefen sich gemäß Eurostat (Statistikamt der Euro-Zone) Ende 2019 auf 2.057 Mrd. EUR. Die Staatsschuldenquote lag also Ende vergangenen Jahres bei 59,6%. Anmerkung: Der von der Bundesbank gemeldete Schuldenstand ist nicht deckungsgleich mit dem von Eurostat. Die weiteren Angaben und Projektionen beruhen auf Eurostat-Daten.

Die deutsche Staatsschuldenquote erreichte 2010 ihren bisherigen Höchststand von 82,3%. Seither ist sie gesunken und lag 2019 mit 59,6% erstmals seit 2002 wieder unter der im Maastrichter Vertrag vereinbarten Obergrenze von 60% des BIP. Ursächlich war der Schuldenabbau durch auslaufende Bundesanleihen sowie durch Haushaltsüberschüsse.

Letztere sind in den kommenden Jahren nicht zu erwarten. Im Gegenteil. Die öffentliche Verschuldung dürfte zunächst noch weiter zunehmen, da der Bund sowohl 2021 als auch 2022 deutliche Haushaltsdefizite verzeichnen wird. Insgesamt zeichnet sich ein Anstieg der gesamten deutschen Staatsverschuldung auf rund 2.550 Mrd. EUR ab.

Wie kann die Staatschuldenquote wieder auf die Maastrichter Vorgabe von 60% zurückgeführt werden? Es gibt zwei Möglichkeiten.

Schulden verringern

Die Schulden könnten durch Haushaltsüberschüsse reduziert werden. Voraussetzung sind allerdings steigende Staatseinnahmen durch höhere Steuern und Abgaben oder sinkende Ausgaben. Beides verringert die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und schwächt die Konjunktur. Beides dürfte daher in absehbarerer Zeit wenig realistisch sein.

„Hinauswachsen”

Die Staatschuldenquote verringert sich auch, wenn das nominale BIP (im Nenner) schneller wächst als die Schulden (im Zähler). Die Reduzierung erfolgt dabei umso rascher, je höher die realen Wachstumsraten des BIP und / oder die Inflationsraten sind. Dieser Weg des „Hinauswachsens” erscheint in der aktuellen Lage der wahrscheinlichere. Zudem wurde er bereits nach dem kräftigen Anstieg der Schulden im Zuge der Finanzmarktkrise gegangen.

Annahmen

Die nachfolgende Berechnung enthält folgende Annahmen: Die Schulden steigen weiter und erreichen 2022 ihren Höchststand von 2.550 Mrd. EUR. Das BIP wächst 2021 mit 3,5%, 2022 mit 3% und 2023 mit 1,5%. Anschließend pendeln sich die Wachstumsraten auf dem Potenzialpfad von jährlich 1% ein. Die Inflationsrate liegt 2021 bei 1% und in den Folgejahren jeweils bei 1,5%.

Quote fällt 2029 unter 60%

Die Staatsschuldenquote verharrt noch bis 2022 oberhalb der Marke von 70% und geht dann stetig zurück. Im Jahr 2029 liegt sie wieder unter der Maastrichter Obergrenze von 60%. Fallen die Inflations- und / oder Wachstumsraten des BIP in den nächsten Jahren höher aus, beschleunigt sich der Rückgang. Steigen die Schulden nach 2022 weiter, verlangsamt sich das Ganze. Solange aber die Schulden langsamer wachsen als das nominale BIP, verringert sich die Staatsschuldenquote.

Fazit: Die Strategie des „Hinauswachsens” aus den Staatsschulden dürfte auch diesmal gelingen. Der Schuldenberg wird dabei zwar nicht abgetragen, reduziert sich jedoch im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt auf eine tragfähige Größenordnung.