Großbritannien: Bank of England erhöht um 150 Mrd. Pfund

veröffentlicht am 5. November 2020

Großbritannien: Bank of England erhöht um 150 Mrd. Pfund

Die Bank of England (BoE) ließ den Leitzins unverändert bei 0,10%. Die vor einigen Monaten geäußerten Überlegungen, die Bank Rate mit einem negativen Vorzeichen zu versehen, wurden bisher nicht umgesetzt.

Anleihekaufprogramm aufgestockt

Die Mittel für Anleihekäufe werden um 150 Mrd. auf 895 Mrd. Pfund Sterling (GBP) erhöht. Das ankaufbare Volumen an Unternehmensanleihen bleibt unverändert bei 20 Mrd. GBP, für den Erwerb von Staatsanleihen stehen nun insgesamt 875 Mrd. GBP zur Verfügung. Bis zum 4. November wurden bereits 717 Mrd. GBP investiert.

Hintergrund: Die Bank of England erwarb im Rahmen eines Quantitative Easing (QE) von 2009 bis 2012 Staatsanleihen im Volumen von 435 Mrd. GBP, um die Folgen der damaligen Weltwirtschaftskrise abzufedern. Zudem wurden Unternehmensanleihen für 10 Mrd. GBP gekauft.

Im März 2020 erhöhte die BoE das Ankaufvolumen um 200 Mrd. GBP, um die Folgen der Corona-Pandemie abzumildern. Mitte Juni 2020 wurde das Kontingent um 100 Mrd. GBP auf 745 Mrd. GPB aufstockt und im November 2020 erfolgte eine weitere Erhöhung um 150 Mrd. GBP auf 895 Mrd. GBP.

Inflationsrate weit unter Zielwert

Die Inflationsrate lag im September mit 0,5% weit unter dem Zielwert der Notenbank von 2,0%. Der Preisauftrieb dürfte im Frühjahr 2021 kräftig zunehmen, weil die temporäre Mehrwertsteuersenkung ausläuft und die Energiepreise einen deutlichen Schub erleben, da sie im Frühjahr 2020 massiv eingebrochen waren.

Die BoE rechnet damit, dass der Inflationszielwert in zwei Jahren erreicht wird.

BIP 2020: minus 11%

Das britische Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte im 2. Quartal um 19,8% (!) zum Vorquartal. Im Sommer setzte eine kräftige Gegenbewegung ein, die allerdings nicht ausreichend gewesen sein dürfte, den Einbruch zu kompensieren. Bereits im laufenden 4.Quartal ist wegen des Lockdowns erneut eine Schrumpfung des BIP zu erwarten.

Die BoE rechnet für 2020 mit einem BIP-Minus von 11% und 2021 mit einem Plus von 7,25%. Wir halten insbesondere die 2021-er Schätzung für sehr optimistisch, da auch zu Jahresbeginn 2021 wegen des Brexit mit einem leicht rückläufigen BIP zu rechnen ist.

Pfund zwischen Hoffen und Bangen

Nicht nur die Notenbank-Überlegungen bezüglich negativer Leitzinsen setzen das Pfund unter Druck. Es leidet auch unter den stark steigenden britischen Infektionszahlen sowie dem herannahenden Brexit.

So gibt es immer noch keine Einigung zwischen EU und GB über einen Handelsvertrag. Damit droht der befürchtete „No Deal Brexit”. Es sei denn, beide Seiten verständigen sich noch kurzfristig auf zeitlich begrenzte Ad-hoc-Lösungen, um beispielsweise ein Verkehrschaos auf den Handelsrouten im britischen Kent zu vermeiden.

Fazit: Das Pfund befindet sich im Spannungsfeld zwischen möglichen Negativzinsen, dem drohenden „No Deal Brexit” und der Hoffnung auf Ad-hoc-Lösungen im Handel mit der EU.

Hintergrund: Das Brexit-Drama im Zeitraffer

Am 29. März 2019 wollte Großbritannien eigentlich die Europäische Union verlassen. Ursächlich war eine Volksabstimmung im Juni 2016, bei der eine knappe Mehrheit der Wähler für den Austritt aus der EU votierte, dem Brexit.

Seither wurde an einer Vereinbarung über die Art der künftigen Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU gearbeitet, dem Austrittsabkommen. Dies wurde nach zähen Verhandlungen Mitte November 2018 vorgelegt. Das britische Kabinett stimmte widerwillig und um den Preis einiger Ministerrücktritte zu.

Auch die Staats- und Regierungschefs der EU billigten den “Scheidungsvertrag”. Das britische Parlament lehnte ihn jedoch mehrfach ab.

Da es für den vorgelegten Austrittsvertrag im britischen Parlament keine Mehrheit gab, einigte man sich mit der EU zunächst auf eine Verschiebung auf den 31. Oktober 2019.

Das Parlament verabschiedete im September 2019 ein „No-No-Deal-Gesetz”, das einen Ausstieg ohne Vertrag verbot. Da bis zum 19. Oktober immer noch kein mehrheitsfähiger Austrittsvertrag vorlag, wurde die Frist bis Ende Januar 2020 verlängert.

Am 12. Dezember 2019 fand die vorgezogene Neuwahl des Unterhauses statt.

Im Januar 2020 stimmten das britische Parlament und das EU-Parlament einem Brexit-Abkommen zu,

Im Juni 2020 lehnte die britische Regierung eine erneute Verlängerung der Verhandlungsfrist ab.