Führt der Lockdown 2.0 zur “Double-Dip-Rezession”?

Führt der Lockdown 2.0 zur “Double-Dip-Rezession”?

 

Die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten der Länder haben gestern zeitlich befristete Einschränkungen beschlossen, den „Lockdown 2.0″.

Er gilt bis Ende November und wird am 11. November überprüft.

Wer ist betroffen?

Es sind insbesondere die Unternehmen des sozialen Konsums wie Gaststätten, Restaurants, Bars und der gesamte Freizeitbereich mit Theatern, Kinos, Schwimmbädern etc. Sie generieren etwa 15% des privaten Konsums bzw. knapp 8% des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Wer ist nicht betroffen?

Die Industrie, das Handwerk, der Handel, das Bildungswesen und weite Teile des Dienstleistungssektors arbeiten unter Beachtung der Hygienevorschriften weiter. Anders als beim ersten Lockdown im Frühjahr sind also weite Teile der Wirtschaft diesmal nicht oder kaum betroffen.

Was ist noch anders?

Der aktuelle Lockdown ist zeitlich befristet. Im Frühjahr wusste niemand, wann die Beschränkungen wieder aufgehoben werden. Bei Konsumenten und Investoren herrschte eine große Unsicherheit, die Nachfrage ging dramatisch zurück, die Sparquote stieg auf 20 %. Die Grenzen bleiben diesmal offen, so dass keine Lieferketten unterbrochen werden.

Was ändert sich bei der Konjunktureinschätzung?

Gemäß der Konsensschätzung ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland im 3. Quartal um 7,3% zum Vorquartal gestiegen. Die Schnellschätzung wird am 30. November veröffentlicht.

Für das laufende 4. Quartal erwarteten die meisten Ökonomen bisher ein Plus von etwa 2%, wir rechneten mit plus 1,0%. Wegen des temporären Lockdown dürfte das BIP im aktuellen Quartal jedoch nur stagnieren oder sogar leicht schrumpfen.

BIP 2020: minus 6% statt minus 5,5%. Bei einem angenommenen Quartalsminus von 1% im 4. Quartal liegt die 2020-er Wachstumsrate nicht bei minus 5,5%, sondern bei minus 6%. Zudem verflüchtigt sich der statistische Überhang von 1,5%. Er gibt an, wie hoch die Wachstumsrate 2021 wäre, wenn das BIP auf dem Stand von Ende 2020 stagniert. Wenn also in 2021 kein zusätzliches BIP generiert werden sollte.

BIP 2021: plus 2,5% statt plus 4%. Ohne diesen Überhang wird das deutsche BIP im nächsten Jahr nicht um 4%, sondern um 2,5% wachsen. Dabei ist unterstellt, dass die Auszahlung der umfangreichen Konjunkturprogramme der EU und der Mitgliedsstaaten die Nachfrage stützt und es im 1. Quartal 2021 eine positive Wachstumsrate des BIP gibt.

Welche Risiken gibt es?

Das größte Risiko besteht darin, dass es bei den Konsumenten und Investoren zu einem massiven Stimmungsumschwung kommt. Machen diese „die Tasche zu”, indem verstärkt gespart wird, geht die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zurück und das BIP schrumpft wahrscheinlich Anfang 2021. Das wäre dann die gefürchtete „Double-Dip-Rezession”.

Ein weiteres Risiko besteht darin, dass es doch noch zu Grenzschließungen kommt. Damit würden die Lieferketten unterbrochen. Inländische Unternehmen könnten beispielsweise weniger produzieren, weil Zulieferungen aus dem Ausland fehlen.

Was ist positiv?

Die Notenbanken werden die Leitzinsen noch jahrelang nahe der Nulllinie lassen und für eine reichliche Liquiditätsausstattung sorgen. Die riesigen staatlichen Konjunkturprogramme entfalten ihre Nachfragewirkung insbesondere im nächsten Jahr.

Worauf sollten Anleger achten?

Der DAX hat in nur drei Handelstagen mehr als 1.000 Indexpunkte verloren, obwohl sich die konjunkturellen Auswirkungen des 2. Lockdown voraussichtlich in Grenzen halten werden. Entsprechend schätzen wir das unmittelbare Rückschlagpotenzial als gering bis moderat ein. Anleger können die kurzzeitige Marktschwäche für den zeitlich gestaffelten Aufbau in deutschen bzw. europäischen Aktienpositionen nutzen.

Zudem bleibt die Internationalisierung in der Allokation ratsam. Vor allem sollte hier der Blick stärker in Richtung Asien wandern. China erweist sich angesichts sehr niedriger Infektionsraten und einer robusten Konjunktur als Stabilitätsanker. Das war während der ersten Corona-Welle noch nicht der Fall. Die Pandemie scheint in Fernost sehr gut unter Kontrolle zu sein. Anders als etwa in Europa dürfte dabei förderlich sein, dass

  • das Infektionsgeschehen effektiv nachverfolgt werden kann,
  • Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie schnell und rigide umgesetzt werden bzw.
  • die Bevölkerung die Schutzvorkehrungen in der Breite diszipliniert umsetzt.

Anleger, die sich der zweiten Corona-Welle ein Stück weit entziehen wollen, sollten daher eine Aufstockung in asiatischen Aktien vornehmen.

Fazit:

In der Annahme, dass der aktuelle Lockdown 2.0 tatsächlich temporär ist und weite Teile der Wirtschaft verschont, bleiben die konjunkturellen Perspektiven positiv. Die konjunkturelle Erholung 2021 wird daher nicht in Frage gestellt. Der Aufschwung wird sich allerdings noch weiter verflachen. Es kommt nicht zur „Double-Dip-Rezession”.

In Anbetracht der deutlichen Korrektur kann die kurzzeitige Marktschwäche für Aufstockungen in deutschen bzw. europäischen Aktien genutzt werden. China erweist sich als sehr robust in Anbetracht niedriger Neuinfektionen und einer soliden konjunkturellen Entwicklung. Abseits des Infektionsgeschehens sind daher Investitionen in asiatische Aktien ratsam.

Unsere strategische Allokation in einer Kombination aus globalen Aktien sowie strukturellen Wachstumsthemen bestätigen wir.