Wo bleibt die Inflation?

veröffentlicht am 21. Oktober 2020

Wo bleibt die Inflation?

„Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen“ lautet die Kernbotschaft der monetaristischen Geldtheorie. Je höher die Wachstumsrate der Geldmenge, desto höher ist die Inflationsrate, und umgekehrt.

Die Realität zeigt jedoch etwas anderes. Obwohl die Geldmenge in der Euro-Zone zuletzt kräftig gestiegen ist, liegt die Inflationsrate weit unter ihrem Zielwert. Aktuell ist sie sogar negativ.

Fazit vorweg: Ursächlich für die anhaltend niedrigen Verbraucherpreise waren in den vergangenen Jahren die Globalisierung, die Digitalisierung und die niedrigen Energiepreise. Der kräftige Anstieg der Geldmenge hat die Verbraucherpreise kaum tangiert, die Preise für Vermögenswerte wie Aktien und Immobilien jedoch nach oben getrieben. In den kommenden Jahren dürften auch die Verbraucherpreise wieder steigen. Eine monetär bedingte „galoppierende“ Inflation mit zweistelligen Werten ist jedoch nicht zu erwarten. Die monetaristische Kernbotschaft „viel Geld = viel Inflation“ scheint im 21. Jahrhundert nicht zu gelten.

Energiepreise „unter Wasser“

Seit Ende 2018 lag der Ölpreis fast immer unter dem des Vorjahres (blaue Linie). Eine Ausnahme gab es zum Jahreswechsel 2019 / 2020.

An dieser Konstellation dürfte sich bis März 2021 nichts ändern. Danach wird der Vorjahresvergleich einige Zeit extrem positive Werte generieren, denn die Vergleichsbasis für die Monate März, April und Mai 2021 ist extrem niedrig. Im Frühjahr 2020 stürzte der Ölpreis nämlich ab. In den USA notierte das Fass WTI-Öl am 20. April mit minus (!) 36 USD. Seit Juni liegt der Preis für das Barrel Nordseeöl Brent wieder im Bereich zwischen 40 und 45 USD.

In der Annahme, dass sich der Brent-Ölpreis im nächsten Jahr zwischen 45 und 50 USD bewegt, kehrt sich der Einfluss der Energie auf die Verbraucherpreis um. Der Ölpreis wird 2021 für einen gewissen Auftrieb bei den Inflationsraten sorgen.

Globalisierung auf dem Rückzug

Die in den 80-iger Jahren forcierten Verlagerungen industrieller Produktionen in die Schwellenländer sowie der weltweite Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen übten einen lang anhaltenden Druck auf die Preise aus.

Die Globalisierung ist allerdings seit Jahren auf dem Rückzug. Dieser wurde durch den Handelsstreit der USA mit China und Europa sowie die Corona-Pandemie noch beschleunigt. Die Regionalisierung der Produktion „systemrelevanter“ Güter wird diese verteuern. Die Flut an Strafzöllen und anderen Handelsbeschränkungen treibt ebenfalls die Preise und sorgt für inflationäre Impulse.

Digitalisierung bringt Preistransparenz

Die zunehmende Verlagerung des Handels von stationären Geschäften ins Internet hat die Preise transparenter gemacht und die Preissetzungsmacht der Hersteller geschwächt. Erscheint ein Produkt zu teuer, wird online ein anderer Anbieter gesucht, der günstigere Preise aufruft. Im Zuge der Corona-Pandemie erhielt der online-Handel einen zusätzlichen Schub. Die Digitalisierung hält den Preisauftrieb damit auch weiterhin in Schach.

Keine Lohn-Preis-Spirale

Im vergangenen Jahr war der Arbeitsmarkt in den USA von Vollbeschäftigung gekennzeichnet. In Deutschland herrschte in zahlreichen Branchen ein ausgeprägter Fachkräftemangel. Gleichwohl kam es nicht zu der gefürchteten Lohn-Preis-Spirale.

Im Zuge der Corona-Pandemie schnellte die Arbeitslosenquote in den USA nach oben. In Deutschland nahm die Kurzarbeit deutlich zu. Damit dürfte eine Lohn-Preis-Spirale in noch weitere Ferne gerückt sein.

Wie geht es weiter?

Die Inflationsraten in der Euro-Zone werden voraussichtlich noch einige Monate das negative Vorzeichen behalten. Am Ende des 1. Quartals 2021 rechnen wir mit Werten um 0,5%, die im weiteren Jahresverlauf wieder über die Marke von 1% steigen. Im Jahresdurchschnitt 2021 dürfte die Euro-Inflationsrate bei knapp 1% liegen.

Euro-Zone: Verbraucherpreise HVPI in % zum Vorjahr (ab Oktober 2020 Prognose)

Fazit: Der kräftige Anstieg der Geldmenge hat die Verbraucherpreise kaum tangiert, die Preise für Vermögenswerte wie Aktien und Immobilien jedoch nach oben getrieben.

De-Globalisierung und höhere Energiepreise sorgen für Preisauftrieb. Digitalisierung und schwächere Arbeitsmärkte sprechen gegen steigende Preise.

Alles in allem dürfte der jahrelange Druck auf die Verbraucherpreise tendenziell nachlassen und höhere Inflationsraten ermöglichen. Eine monetär bedingte „galoppierende“ Inflation mit zweistelligen Werten ist jedoch nicht zu erwarten. Die monetaristische Kernbotschaft „viel Geld = viel Inflation“ scheint im 21. Jahrhundert nicht zu gelten.