Was ist der Euro wert?

veröffentlicht am 7. Oktober 2020

Was ist der Euro wert?

Der jüngste Höhenflug des Euro endete im September an der technischen Widerstandslinie von 1,20 US-Dollar.

Ging man zur Jahresmitte mit dem Rückenwind des europäischen Wiederaufbauprogramms noch davon aus, dass die Gemeinschaftswährung einen Anlauf auf den technischen Widerstand bei 1,25 US-Dollar nehmen würde, so „kämpft” sie aktuell wieder mit der Marke von 1,18 USD.

Was ist der Euro wert?

„Was Du zahlst, ist der Preis, was Du bekommst, ist der Wert”, heißt es am Kapitalmarkt. Ein Euro kostet derzeit knapp 1,18 US-Dollar. Ist er mehr wert?

Kaufkraft als Maßstab

Um den angemessenen Wechselkurs einer Währung zu bestimmen, wird häufig die Kaufkraftparität bemüht. Sie ist gegeben, wenn zwei Währungen durch den Wechselkurs dieselbe Kaufkraft haben, mit ihnen also derselbe Warenkorb gekauft werden kann. Stark vereinfachtes Beispiel: Kostet ein Reifen in den USA 140 USD und in Deutschland 100 EUR, wäre der angemessene Wechselkurs 1,40 USD pro EUR.

Euro war unter Druck

Die europäische Gemeinschaftswährung stand in den vergangenen zwei Jahren unter Druck. Wachsende Sorgen um das hochverschuldete Italien entwickelten sich zum Belastungstest für die Euro-Zone und den Euro.

Der handelsgewichtete Außenwert des Euro fiel auf 90 Indexpunkte zurück. Ein Euro kostete im März 2020 nur noch 1,07 US-Dollar.

Anschließend erfolgte eine kräftige Gegenbewegung. Gestärkt durch den Beschluss der EU, einen 750 Mrd. EUR schweren Wiederaufbaufonds einzurichten, um die Schäden der Corona-Pandemie zu beseitigen, kletterte der Euro bis auf 1,20 USD. Die Sorgen vor einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone nahmen ab, die Fliehkräfte schwanden.

Gleichzeitig geriet der US-Dollar unter Druck. Auslöser war die im März erfolgte Reduzierung der US-Leitzinsen auf 0,00% bis 0,25%, die den Renditevorsprung amerikanischer Staatsanleihen erodieren ließ.

Zudem wuchsen die Zweifel an der Fähigkeit der US-Regierung, die Corona-Pandemie zu bezwingen. Auch das rasch wachsende amerikanische „Zwillingsdefizit” aus Staatshaushalt und Leistungsbilanz schwächte die US-Währung.

Corona hilft dem Dollar

Im Zuge der global steigenden Infektionszahlen wurde der US-Dollar zuletzt wieder verstärkt als „sicherer Hafen” angesteuert. Aufwind erhielt er auch von verbesserten US-Wirtschaftsdaten sowie nach oben revidierten Wachstumsschätzungen.

Euro ist unterbewertet

Gemessen an seiner Kaufkraft ist der Euro unterbewertet. Der Internationale Währungsfonds hält einen kaufkraftbasierten Wechselkurs von knapp 1,30 USD pro Euro für angemessen. Das Forschungsinstitut Oxford Economics verortet die Kaufkraftparität des Euro zum US-Dollar sogar bei knapp 1,40 USD.

Was bremst den Euro?

EU und Euro-Zone haben strukturelle Probleme.

Während eine Währung in der Regel eine Volkswirtschaft mit einem einzelnen Staatshaushalt repräsentiert, ist der Euro die gemeinsame Währung von 19 Ländern, von denen jedes einen eigenen Etat hat. Die Fiskalpolitik dieser 19 Euro-Länder ist nicht koordiniert. Der Währungsunion fehlt schlicht eine Fiskalunion.

Ein weiteres Problem ist die politische Vielstimmigkeit. Wer spricht für Europa oder die Euro-Zone? Es gibt nicht den Euro-Präsidenten oder den Euro-Finanzminister.

Politische Beschlüsse müssen meist einstimmig erfolgen, jedes Mitgliedsland hat ein Veto-Recht. Entscheidungen dauern daher sehr lange und sind durch Kompromisse verwässert.

Zwischenfazit: Der Euro wird mit einem politischen Abschlag gegenüber seiner Kaufkraftparität gehandelt. Daran dürfte sich nichts ändern, solange die strukturellen Probleme Europas vorhanden sind.

Was stärkt den Euro?

Auftrieb dürfte der Euro erhalten, wenn der EU-Wiederaufbaufonds von allen Gremien verabschiedet ist und die Gelder das Wirtschaftswachstum in Europa erhöhen.

Sollten sich die aktuellen Wahlumfragen bewahrheiten und die USA einen Präsidentschaftswechsel erleben, dürfte dies den Dollar schwächen und den Euro stützen.

Der US-Dollar dürfte auch nachgeben, falls die US-Notenbank zum Jahresende weitere Liquiditätsspritzen für die US-Wirtschaft beschließen sollte.

Fazit: Alles in allem spricht einiges dafür, dass der Euro nach der aktuellen Verschnaufpause einen neuerlichen Anlauf auf die Marke von 1,20 USD nehmen wird. Sollte er diese Hürde überwinden, besitzt er Potenzial bis etwa 1,25 USD. Eine weitere Annäherung an seine Kaufkraftparität halten wir angesichts der strukturellen Probleme der Euro-Zone jedoch für wenig wahrscheinlich.