Zinskurvensteuerung: Notenbanken übernehmen die Anleihemärkte

veröffentlicht am 1. Oktober 2020

Zinskurvensteuerung: Notenbanken übernehmen die Anleihemärkte

Die Bank of Japan (BoJ) hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder geldpolitische Instrumente entwickelt, die anfangs strikt abgelehnt, später aber von anderen Notenbanken übernommen wurden.

So führte Japan bereits 1999 den Nullzins ein. Zwei Jahre später erfolgten die ersten Ankäufe von Staatsanleihen. Und 2016 begann sie mit einer “quantitativen und qualitativen monetären Lockerung mit Zinskurvensteuerung” (Quantitative and Qualitative Monetary Easing (QQE) with Yield Curve Control).

Was ist eine Zinskurvensteuerung?

Bei der Zinskurvensteuerung gibt die Notenbank einen Zielwert für eine bestimmte Rendite vor. In Japan ist es die Rendite der 10-jährigen japanischen Staatsanleihe, die bei 0,00% liegen soll. Weicht die tatsächliche Rendite zu stark vom Zielwert ab, greift die BoJ ein. Sie kauft oder verkauft Staatsanleihen, bis der Rendite-Zielwert wieder hergestellt ist. Im Extremfall kauft die BoJ Anleihen in unbegrenzter Höhe.

Die australische Notenbank hat die Zinskurvensteuerung im März übernommen. Sie legte für die Rendite der dreijährigen Staatsanleihe einen Zielwert von 0,25% fest.

Warum wurde die Zinskurvensteuerung eingeführt?

Die Notenbanken sorgen für stabile Renditen auf niedrigem Niveau und gewährleisten damit die Schuldentragfähigkeit finanzschwacher Staaten. Mit der Zinskurvensteuerung werden unerwünschte Renditesteigerungen verhindert. Das Zinsänderungsrisiko wird ausgeschaltet.

Weniger Anleihekäufe erforderlich

Seit Einführung der Zinskurvensteuerung musste die japanische Notenbank wesentlich weniger Anleihen erwerben, um die Renditen auf dem geforderten niedrigen Niveau zu halten. Alleine die Ankündigung eines Zielwertes dämpft die Renditeschwankungen. Hier mag ausschlaggebend sein, dass eine Notenbank immer mehr „Munition” besitzt als jeder Kapitalmarktteilnehmer („Never fight the Fed”).

Der Markt ist tot

Nach Einführung der Zinskurvensteuerung gibt es keinen echten Markt mehr. Renditen, die sich durch Angebot und Nachfrage bilden, geben Auskunft über die finanzielle Stabilität des Emittenten. Diese Erkenntnis gibt es bei einer Zinskurvensteuerung nicht mehr, denn die Risikoaufschläge werden begrenzt oder eliminiert.

Wie sieht es in den USA aus?

In den USA befasste sich der Offenmarktausschuss der US-Notenbank im Sommer mit den Vor- und Nachteilen einer Zinskurvensteuerung, traf bisher jedoch keine entsprechende Entscheidung. Deren Einführung wäre ein extrem schwerer Eingriff in den Markt. Er dürfte wohl nur erfolgen, wenn die US-Renditen trotz Anleihekäufen deutlich steigen sollten.

Allerdings erweckt der ungewöhnlich stabile Verlauf der 10-jährigen US-Rendite in den vergangenen Monaten den Eindruck, dass bereits jetzt eine verdeckte Zinskurvensteuerung stattfindet.

Wie sieht es in Europa aus?

Eine Zinskurvensteuerung durch die Europäische Zentralbank (EZB) wäre ungleich komplizierter als in Japan, Australien oder in den USA. Denn es gibt nicht die europäische Staatsanleihe.

Als Benchmark für die Euro-Zone dient allerdings die 10-jährige Bundesanleihe, deren Rendite sich durch die Anleihekäufe der EZB im Bereich um minus 0,50% stabilisiert hat. Auch dies ist ein Indiz für eine bereits existierende verdeckte Zinskurvensteuerung.

Fazit: Die Notenbanken weiteten ihren Einfluss auf die Anleihemärkte immer stärker aus und hebelten die Marktkräfte zunehmend aus. Bei einer kompletten Zinskurvensteuerung wäre der Markt tot.