Großbritannien: Leitzins-Überlegungen und No Deal Brexit lasten auf dem Pfund

veröffentlicht am 18. September 2020

Großbritannien: Leitzins-Überlegungen und No Deal Brexit lasten auf dem Pfund

Bank of England denkt über Negativzins nach

Noch liegt der britische Leitzins – die Bank Rate – mit 0,1% so gerade im positiven Bereich. Möglicherweise wird die Bank of England (BoE) jedoch dem Vorbild der Europäischen Zentralbank folgen und ihn mit einem negativen Vorzeichen versehen. Zumindest hat sich die BoE in ihrer jüngsten Sitzung damit beschäftigt, wie ein negativer Leitzins effizient umgesetzt werden kann.

Perspektiven „ungewöhnlich unsicher”

Die Notenbank hält die wirtschaftlichen Perspektiven in Großbritannien für „ungewöhnlich unsicher”. Sie könnte bei einer neuerlichen konjunkturellen Abschwächung und anhaltend niedrigen Inflationsraten den negativen Leitzins einführen.

Anleihekaufprogramm bisher unverändert

Die Mittel für Anleihekäufe ließ die BoE unverändert bei 745 Mrd. Pfund Sterling (GBP). Bis zum 16. September wurden davon allerdings bereits 684 Mrd. GBP investiert. Das Ankaufprogramm dürfte daher am Jahresende ausgeschöpft sein. Möglicherweise wird es im November aufgestockt.

Pfund unter Druck

Die Überlegungen bezüglich negativer Leitzinsen setzten das Pfund unter Druck. Es leidet zudem unter der aktuellen politischen Entwicklung.

So wurde das umstrittene Binnenmarktgesetz in zweiter Lesung vom Unterhaus gebilligt. Es eröffnet der britischen Regierung die Möglichkeit, den mit der EU geschlossenen Brexit-Vertrag auszuhebeln. Damit rückt der befürchtete „No Deal Brexit” näher.

No Deal Brexit?

Im derzeit gültigen Brexit-Vertrag ist festgeschrieben, dass in Nordirland auch nach dem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU am 31.12.2020 die Zollregeln der EU gelten. Damit soll die Einführung von Grenzkontrollen zwischen dem britischen Nordirland und dem EU-Mitglied Irland vermieden werden.

Das Binnenmarktgesetzt würde diesen Vertrag brechen. Als Folge könnte die EU die Verhandlungen über ein Handelsabkommen einstellen, so dass es am Jahresende zum „No Deal Brexit” kommt.

In diesem Fall würde Großbritannien die EU ohne Vertrag verlassen und handelstechnisch den Status eines Drittlandes annehmen. Es gäbe wieder Handelsbeschränkungen und Zölle.

Fazit: Die Doppelbelastung aus möglichen Negativzinsen und drohendem „No Deal Brexit” setzt das Pfund unter Druck. Im Extremfall halten wir zum Jahreswechsel sogar das Erreichen der Parität (1 Pfund = 1 Euro) für möglich.

Fundamentale Rahmendaten

BIP minus 10% in 2020

Das britische Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte im 2. Quartal um 20,4% (!) zum Vorquartal. Im Sommer setzte eine kräftige Gegenbewegung ein, die allerdings nicht ausreichen wird, den Einbruch zu kompensieren. Die OECD rechnet für 2020 mit einem BIP-Minus von 10,1% und 2021 mit einem Plus von 7,6%.

Inflationsrate weit unter Zielwert

Der Preisdruck hat weiter abgenommen. Die Inflationsrate lag im August mit 0,2% weit unter dem Zielwert der Bank of England von 2,0%. Sie dürfte im weiteren Jahresverlauf sehr niedrig bleiben und erst 2022 den Zielwert erreichen.

Anleihekaufprogramm aufgestockt

Die Bank of England erwarb im Rahmen eines Quantitative Easing (QE) von 2009 bis 2012 Staatsanleihen im Volumen von 435 Mrd. GBP, um die Folgen der damaligen Weltwirtschaftskrise abzufedern. Zudem wurden Unternehmensanleihen für 10 Mrd. GBP gekauft.

Im März 2020 wurde das Anleihevolumen um 200 Mrd. GBP aufgestockt, um die Folgen der Corona-Pandemie abzumildern. Gekauft werden Staatsanleihen sowie Anleihen von anlagewürdigen Unternehmen, die nicht dem Finanzsektor angehören.

Mitte Juni wurde das Kontingent um 100 Mrd. GBP auf 745 Mrd. GPB aufstockt.

Hintergrund: Das Brexit-Drama im Zeitraffer

Am 29. März 2019 wollte Großbritannien eigentlich die Europäische Union verlassen. Ursächlich war eine Volksabstimmung im Juni 2016, bei der eine knappe Mehrheit der Wähler für den Austritt aus der EU votierte, dem Brexit.

Seither wurde an einer Vereinbarung über die Art der künftigen Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU gearbeitet, dem Austrittsabkommen. Dies wurde nach zähen Verhandlungen Mitte November 2018 vorgelegt. Das britische Kabinett stimmte widerwillig und um den Preis einiger Ministerrücktritte zu.

Auch die Staats- und Regierungschefs der EU billigten den “Scheidungsvertrag”. Das britische Parlament lehnte ihn jedoch mehrfach ab.

Da es für den vorgelegten Austrittsvertrag im britischen Parlament keine Mehrheit gab, einigte man sich mit der EU zunächst auf eine Verschiebung auf den 31. Oktober 2019.

Das Parlament verabschiedete im September 2019 ein „No-No-Deal-Gesetz”, das einen Ausstieg ohne Vertrag verbot. Da bis zum 19. Oktober immer noch kein mehrheitsfähiger Austrittsvertrag vorlag, wurde die Frist bis Ende Januar 2020 verlängert.

Am 12. Dezember 2019 fand die vorgezogene Neuwahl des Unterhauses statt.

Im Januar 2020 stimmten das britische Parlament und das EU-Parlament einem Brexit-Abkommen zu,

Im Juni 2020 lehnte die britische Regierung eine erneute Verlängerung der Verhandlungsfrist ab.