Die Post-Corona-Ära. Wie könnte sie aussehen?

Die Post-Corona-Ära. Wie könnte sie aussehen?

 

Die Pandemie deckte die Schwachstellen der modernen Art des Wirtschaftens schonungslos auf. Der Lockdown eng vernetzter Volkswirtschaften hat die auf Kostenminimierung und zeitliche Effizienz getrimmten globalen Lieferketten zeitweise schwer gestört. Die Weltwirtschaft verzeichnet 2020 einen beispiellosen Einbruch. Notenbanken und Regierungen legten umfangreiche Rettungsprogramme auf. Gleichzeitig werden die heutigen Formen der Produktion und des Konsums hinterfragt. Wie könnte die „Post-Corona-Ära” aussehen?

Der von den USA angezettelte Handelsstreit mit China und der Europäischen Union (EU) schwächte den Welthandel und verstärkte den bereits vor einigen Jahren einsetzenden Trend zur De-Globalisierung. Viele Länder denken darüber nach, bestimmte ins Ausland ausgelagerte Produktionen wieder „heimzuholen”. Auch diese Regionalisierung der Produktion wird den Welthandel belasten.

Nach dem Abklingen der staatlichen Hilfsprogramme werden sich die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nach unserer Einschätzung im Bereich des Potenzialpfades bei etwa 1 Prozent einpendeln. Deutschland dürfte damit in den 20-er Jahren den „japanischen Weg” beschreiten. Dieser kennt keine größeren konjunkturellen Ausschläge mehr, sondern ist durch „wenig Wachstum, wenig Inflation und wenig Zinsen” gekennzeichnet.

Durch die Konjunkturprogramme wird die staatliche Verschuldung kräftig steigen. Um die Kredite zu tilgen, könnten höhere Steuern oder Abgaben erhoben werden. Beides beschneidet jedoch die Kaufkraft und würde zu einer erneuten Konjunkturschwäche führen. Es ist daher kaum anzunehmen, dass die Staatschulden abgetragen werden. Viel wahrscheinlicher ist die Strategie des „Hinauswachsens”. Indem der Schuldenberg konstant gehalten wird und das BIP leicht wächst, schmelzen die Staatsschuldenquoten im Laufe der Jahre soweit ab, bis die Schulden wieder „erträglich” geworden sind.

Die Inflationsraten dürften in den nächsten Jahren leicht ansteigen, die Zielwerte der Notenbanken von 2 Prozent aber kaum erreichen. Die zusätzliche Liquidität fließt vorwiegend in Märkte, die vom Verbraucherpreisindex nicht erfasst werden.

Künftig dürfte es zu einer engeren Zusammenarbeit von Regierungen und Notenbanken kommen, so dass die Grenzen zwischen Geldpolitik und Fiskalpolitik verschwimmen. Zur Abfederung der Folgen der Pandemie werden die Regierungen in diesem Jahr Anleihen im Wert von mehreren Billionen US-Dollar und Euro begeben. Die zusätzlichen Anleiheemissionen müssten in einem funktionierenden Markt eigentlich zu höheren Renditen führen. Ein Renditeanstieg dürfte jedoch durch die Anleihekäufe der Notenbanken verhindert werden. Vor diesem Hintergrund kann davon ausgegangen werden, dass die Renditen noch längere Zeit auf dem aktuell sehr niedrigen Niveau verharren.

Der Goldpreis sollte angesichts anhaltend niedriger Renditen und politischer Verunsicherungen im Aufwind bleiben und einen Anlauf auf die Höchststände um Bereich um 1.900 USD nehmen.

Am Immobilienmarkt dürfte die weitere Entwicklung uneinheitlich sein. Relativ gute Perspektiven sollte der Markt für Wohnimmobilien besitzen, solange die Nachfrage nach Wohnraum größer ist als das Angebot. Probleme dürfte es dagegen im Bereich der Gewerbeimmobilien bei Büros, Hotels und Einzelhandelsflächen geben.

Für die Anlageklasse Aktien bleiben wir mittel- bis langfristig positiv gestimmt, auch wenn die Renditeerwartungen für die kommenden Jahre signifikant niedriger ausfallen. Unter Einbeziehung des fundamentalen Datenkranzes sowie der Notenbankpolitik gehen wir im Falle des Deutschen Aktienindex in der zweiten Jahreshälfte von einer Handelsbandbreite von 11.000 bis 13.000 Punkten und einem Jahresendstand von 12.500 Zählern aus.

Unter längerfristigen Gesichtspunkten dürften aus der Perspektive des Anlegers zwei Phasen von Relevanz sein.

1. Aktuell: Trotz aller realwirtschaftlicher Herausforderungen und Unsicherheiten über den weiteren Verlauf der Pandemie fungieren Notenbanken als Auffangbecken und Retter. Diese Phase könnte noch weit bis in das nächste Jahr andauern. Gut unterstützt bleiben dabei die sogenannten Risikoanlagen wie Aktien und Unternehmensanleihen.

2. Post Corona: Diese neue Ära nach Corona könnte geprägt sein von einem höheren Einfluss der Staaten, weniger Globalisierung und vergleichsweise geringen Wachstumsraten sowohl volkswirtschaftlich als auch auf Ebene der Unternehmen. In diesem Umfeld dürften die Notenbanken die Zinsen noch über einen sehr langen Zeitraum um die Marke von Null festschreiben zumal der Inflationsausblick gedämpft sein wird. Mit zunehmender Normalisierung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten dürften die Notenbanken eine wieder passivere Rolle einnehmen. Damit entfällt der breite Schutzschirm für Anlagen mit höheren Risiken. Klassische Bewertungen rücken wieder in den Vordergrund. Grundsätzlich dürften Aktien als Anlageklasse weiter in der Gunst der Investoren verbleiben, da die Alternativen angesichts des Nullzinses nur sehr bedingt vorhanden sind. Stärker betroffen sein könnten Unternehmensanleihen schlechterer Qualität, da hier der Schutzschirm nicht mehr greift und Investoren höhere Prämien für das einzugehende Risiko einfordern.