Konjunktur erreicht Talsohle, der Erholungspfad hängt an der Nachfrage

Konjunktur erreicht Talsohle, der Erholungspfad hängt an der Nachfrage

 

Das Corona-Virus hat die Welt weiter fest im Griff. Mit Blick auf die Entwicklung der Neuinfizierten ist derzeit allerdings eine Zweiteilung zu beobachten: In den Industrieländern sinkt die Anzahl der täglich Neuinfizierten, während in mehreren Schwellenländern diesbezüglich fast täglich neue Höchststände gemeldet werden.
Ca. 70% der weltweit Neuinfizierten werden außerhalb Chinas, Europas und der USA festgestellt. In den drei genannten Regionen werden deshalb die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen sukzessive zurückgefahren. Das öffentliche Leben kehrt langsam zurück, was der Konjunktur ein Aufatmen verschafft.

Die in den letzten Wochen für die Euro-Zone veröffentlichten Konjunkturindikatoren sprechen dafür, dass der Tiefpunkt im April erreicht wurde. Hier haben sich die Einkaufsmanagerindizes in Deutschland, Frankreich und der Euro-Zone im Mai massiv verbessert. Gleichwohl liegen alle Indizes noch weit unter der Wachstumsschwelle von 50 Indexpunkten. Beim Einkaufsmanagerindex Industrie für die gesamte Euro-Zone ist der Wachstumsbereich mit 39,5 Punkten (+6,1) immer noch weit entfernt. Damit bleibt der industrielle Sektor in einer ausgeprägten Rezession, die allerdings bereits ein Jahr vor der Corona-Pandemie begonnen hat.

In unserem Basisszenario erwarten wir weiterhin, dass – betrachtet anhand des europäischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) – dem Rückgang um 3,8% im 1. Quartal ein schwerer Einbruch im laufenden 2. Quartal folgt, der die Talsohle markieren sollte. Im 3. Quartal stabilisiert sich die Konjunktur und erst im 4. Quartal beginnt eine zaghafte Erholung, die sich 2021 in leicht verstärkter Form fortsetzt. Alles in allem gehen wir damit weiterhin von einem U-förmigen Konjunkturverlauf aus. Das heißt, die aufgestaute Nachfrage sowie die sich abzeichnenden Konjunkturprogramme sollten in 2021 einen Wachstumsschub für Europa um gut 2% bewirken. Dass dieser nicht größer ausfällt, liegt am statistischen Unterhang, mit dem wir in das Jahr starten. Diese Prognose setzt voraus, dass die Pandemie eingedämmt wird, die internationalen Lieferketten keinen großen Schaden genommen haben, die Produktion ohne größere Komplikationen wieder anläuft und die Nachfrage sich spürbar erholt. Erste Daten aus China zeigen, dass sich der Einzelhandelsumsatz sowie Autoverkäufe etwas langsamer als erhofft erholen. Wichtiger Einflussfaktor bleibt der Arbeitsmarkt – die Arbeitslosenquote kletterte im April auf sechs Prozent, für chinesische Verhältnisse ein hoher Wert. Verdüstern sich diesbezüglich in China, aber auch andernorts die Perspektiven, könnte das die Kauflaune der Konsumenten drücken und den Konjunkturaufschwung verlangsamen. Wir gehen deshalb weiter davon aus, dass wir das Vorkrisenniveau bezogen auf die Wirtschaftsleistung in den entwickelten Ländern trotz Erholung 2021 erst Ende 2022 wieder erreichen.

Dass sich die Märkte trotz dieser finsteren Konjunkturprognosen in einer vergleichsweise robusten Verfassung präsentieren, liegt an der immer engeren Verzahnung von Geld- und Fiskalpolitik. Nachdem die Geldpolitik im Rahmen des akuten Notfallmanagements zunächst die Geldschleusen weit aufgerissen hat, legt jetzt die Fiskalpolitik noch einmal nach. Die Liste der fiskalischen Hilfsmaßnahmen wird immer länger. Standen bislang vor allem Kreditprogramme im Mittelpunkt, rückt nun auch eine Aufstockung der Programme, die auf direkte und nicht mehr zur Rückzahlung verpflichtende Zuschüsse abzielen, stärker in die Diskussion.

Auch die Notenbanken signalisieren Bereitschaft, das Volumen ihrer bestehenden Notfallmaßnahmen noch einmal auszuweiten. So könnte die Europäische Zentralbank (EZB) bereits im Juni die Aufstockung ihres Pandemie-Notfall-Ankaufprogramms (PEPP) von derzeit 750 Mrd. EUR bekanntgeben. Auch die US-Notenbank hatte zuletzt deutlich gemacht, dass sie die fiskalischen Stimuli der US-Regierung noch nicht für ausreichend hält, was die Märkte als Bereitschaft zu einem weiteren geldpolitischen Lockerungssignal interpretierten.

Fazit:

Alles in allem scheint die Konjunktur ihren Tiefpunkt im April ausgelotet zu haben. Mit den allmählichen Lockerungsmaßnahmen hinsichtlich Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen dürfte die wirtschaftliche Erholung folgen. In welchem Ausmaß und Tempo dies geschieht, wird maßgeblich vom Verhalten des privaten Konsumenten abhängen. Sollte er sich von den sich eintrübenden Arbeitsmarktperspektiven die Kauflaune verderben lassen, wird die Erholung – insbesondere in den USA, wo das Wachstum zu mehr als zwei Dritteln vom privaten Verbrauch abhängt – deutlich länger brauchen. Eine Rückkehr zur alten Normalität und damit dem alten Wachstumspfad kann schlussendlich nur ein Impfstoff ebnen, der in einer optimistischen Sicht erst in 12 bis 18 Monaten zur Verfügung steht.

Solange es keine Klarheit zum Konsumverhalten gibt, müssen wir konstatieren, dass der Aktienmarkt derzeit viel Hoffnung einpreist. Gleichwohl dürfte das Rückschlagpotenzial auf Sicht der kommenden Wochen zunächst begrenzt sein. Die Aktienmärkte sind sich der Unterstützung von Geld- und Fiskalpolitik gewiss, d. h. die Notenbanken werden mit einer festen Verankerung des Niedrigzinsumfeldes alles tun, um den Regierungen volle Handlungsfreiheit bezüglich ihrer Finanzpolitik zu gewähren. In einem derartigen Umfeld dürften Anleger mangels attraktiver Alternativen – gemessen an herkömmlichen Multiplikatoren – auch höhere Bewertungen akzeptieren.

Dennoch kann man konstatieren, dass die Erholung seit den Tiefständen Mitte März schon recht weit fortgeschritten erscheint, da angesichts noch bestehender Unsicherheiten über den genauen Weg zur „Normalität” Rückschläge nicht ungewöhnlich wären. Erschwerend kommt hinzu, dass die Unternehmensgewinne trotz aller staatlichen Stützen wie z. B. dem Kurzarbeitergeld oder Kreditgarantien auf Indexbasis 2020 ähnlich vergangener Rezessionen Rückgänge im mittleren zweistelligen Prozentbereich aufweisen werden, was die Bewertung der Anlageklasse deutlich nach oben treibt. Sie bewegt sich definitiv nicht auf Rezessionsniveau.

Trotz aller Unwägbarkeiten führt für langfristig orientierte Anleger im Rahmen der strategischen Vermögensallokation – vor allem aufgrund des anhaltend tiefen Zinsniveaus – kein Weg an der Anlageklasse „Aktien” vorbei. Anlegern, die über eine zu geringe Aktienquote verfügen, empfehlen wir aktuell, sich auf Käufe von Titeln aus Branchen mit einer hohen Vorhersagestabilität bei den Gewinnen zu konzentrieren. Konkret haben wir dabei die Bereiche Basiskonsum, Gesundheit, Technologie und Telekommunikation im Blick. Ein weiteres Instrument für den Einstieg in den Aktienmarkt auf dem aktuell deutlich erholten Niveau, stellen Discountzertifikate dar. Für den regelmäßigen Positionsaufbau bieten sich weiterhin Aktien-Fondssparpläne an, die an strukturellen Wachstumsthemen, den sogenannten „Megatrends” (insbesondere Medizintechnik, Technologie) partizipieren.

Eher taktisch orientierte Investoren, die bei den tieferen Kursen gekauft haben, sollten im Bereich um 11.000 DAX-Punkten an Gewinnmitnahmen denken.