EZB weitet Hilfen aus und veröffentlicht neue Prognosen

veröffentlicht am 1. Mai 2020

EZB weitet Hilfen aus und veröffentlicht neue Prognosen

 

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat den Markterwartungen entsprochen und alle Leitzinsen unverändert gelassen. Der Einlagesatz für Banken (“Strafzins”) bleibt bei minus 0,50%, der Hauptrefinanzierungssatz bei 0,00% und der Ausleihsatz bei 0,25%. Neu sind zusätzliche Finanzspritzen namens PELTRO (pandemic emergency longer-term refinancing operations).

EZB untersuchte drei Szenarien

Die EZB analysierte die Folgen der Corona-Pandemie in drei Szenarien. Sie unterscheiden sich darin, wie lange es dauert, bis sich die Wirtschaft wieder normalisiert.

Im günstigsten Fall wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Euro-Zone 2020 um 5% schrumpfen. Im mittleren Szenario bricht das BIP um 8% ein und im ungünstigsten Fall ist ein Minus von 12% zu erwarten.

Für 2021 rechnet die EZB mit BIP-Wachstumsraten von 6% im günstigsten Fall, von 5% im mittleren Szenario und von 4% im Negativszenario.

Das geldpolitische Paket …

… besteht hauptsächlich aus Liquidität.

Mit den längerfristigen Refinanzierungsgeschäften (longer-term refinancing operations, LTROs) wird die Zeit bis zur Begebung der dritten Reihe gezielter längerfristiger Refinanzierungsgeschäfte (targeted longer-term refinancing operations, TLTROs) im Juni überbrückt.

Am 30. April wurden weitere Finanzspritzen beschlossen. Sie nennen sich PELTROs (pandemic emergency longer-term refinancing operations) und laufen in sieben Tranchen von Mai 2020 bis zum 3. Quartal 2021.

APP im November reaktiviert

Die Anleihekäufe werden verstärkt fortgesetzt. Im Rahmen des im November 2019 reaktivierten APP-Programms (asset purchase programme) erwirbt die EZB monatlich Anleihen für 20 Mrd. EUR. Am 12. März wurde das APP bis zum Jahresende um 120 Mrd. EUR aufgestockt.

PEPP im März

Am 18. März legte die EZB nach und beschloss ein Programm namens PEPP (pandemic emergency purchase programme). Es umfasst Anleihekäufe im Volumen von 750 Mrd. EUR und läuft ebenfalls zunächst bis Ende 2020. Eine Verlängerung als auch eine Aufstockung des PEPP sind möglich.

Beim PEPP-Programm weicht die EZB sogar vom bisher verwendeten Kapitalschlüssel ab. Bei den bisherigen Anleihekäufen mussten diese so strukturiert werden, dass sie den Anteilen der Euro-Länder am Kapital der EZB entsprachen. Nun können gezielt die Anleihen erwerben, deren Rendite nach Ansicht der EZB zu hoch ist. So wurden in den vergangenen Wochen verstärkt italienische Staatsanleihen gekauft, da deren Renditeabstand (Spread) zu Bundesanleihen sich stark ausweitete.

Die Anleihekäufe unterstützen die Leitzinspolitik und werden solange vorgenommen, “wie dies für die Verstärkung der akkommodierenden Wirkung seiner Leitzinsen erforderlich ist”. Sie sollen allerdings beendet werden, kurz bevor die erste Leitzinserhöhung ansteht. Das dürfte noch Jahre dauern.

EZB muss vorrangig für Geldwertstabilität sorgen

Begründet wird die extrem expansive Geldpolitik mit den zusätzlichen konjunkturellen Risiken durch das Corona-Virus. Ursächlich ist jedoch das anhaltende Verfehlen des Inflationsziels von “nahe, aber unter 2%”.

Vorrangige Aufgabe der EZB ist nämlich die Gewährleistung von Geldwertstabilität. Diese ist gegeben, wenn die Inflationsrate bei knapp 2% liegt. Im April 2020 fiel sie in der Euro-Zone jedoch auf 0,4% zurück. Ein rascher Anstieg ist nicht in Sicht.

Die EZB muss also mit geeigneten monetären Maßnahmen die Inflationsrate in Richtung des Zielwertes bewegen. Dies verlangt eine lockere Geldpolitik.

Fazit: Die Beschlüsse der EZB unterstreichen unsere Einschätzung, dass das Zinstief noch lange Zeit anhält. Ein Ende der Niedrigzinsphase ist nicht in Sicht.

Was könnte die EZB noch tun?

Die Europäische Zentralbank hat die Leitzinsen nahezu beseitigt, enorme Mengen an Liquidität bereitgestellt und kauft Anleihen in ganz großem Stil. Hätte sie weitere Möglichkeiten?

Die Anleihekäufe könnten weiter ausgedehnt und über das Jahr 2020 hinaus verlängert werden. Es gibt bereits Spekulationen, dass das PEPP-Programm um 500 Mrd. EUR aufgestockt wird.

Sie könnte ihre Sicherheitsanforderungen weiter aufweichen und auch Anleihen erwerben, deren Rating wegen der Corona-Pandemie den „Investment-Grade” verloren haben („Fallen Angels”).

Die EZB könnte ihre Liquiditätshilfen auf Unternehmen ausweiten, die nicht dem Finanzsystem angehören.

Die EZB könnte dem Vorbild der Bank of Japan folgen und Aktien in Form börsennotierter Fonds (ETFs) erwerben.

Sie könnte analog zur Bank of Japan die komplette Zinskurve steuern, indem sie neben dem Leitzins, der das kurze Ende der Kurve markiert, auch eine gewünschte 10-jährige Rendite vorgibt. Diese muss sie dann mit Käufen und Verkäufen am Markt „verteidigen”.

Teilweise wird sogar über die Ausgabe von „Helikoptergeld” spekuliert. In diesem Fall würde die EZB den privaten Haushalten direkt einen bestimmten Betrag zur Verfügung stellen um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage anzukurbeln.

Anmerkung: Die oben angeführten Instrumente sind theoretischer Natur und entsprechen nicht unseren Erwartungen, zumal sie teilweise auch die der EZB vorgegebenen gesetzlichen Rahmenbedingungen überschreiten.

Historie der Anleihekäufe

Seit März 2015 erwarb die EZB in großem Stil Anleihen. Die monatlichen Käufe betrugen zunächst 60 Mrd. EUR, wurden im April 2016 auf 80 Mrd. EUR erhöht, im Januar 2018 auf 30 Mrd. EUR reduziert und lagen zum Schluss bei 15 Mrd. EUR. Die EZB stellte ihre regelbasierten Anleihekäufe zum Jahresende 2018 ein. Seit November 2019 werden nun wieder monatlich 20 Mrd. EUR gekauft. Bis Ende 2020 kommen 120 Mrd. EUR über APP und 750 Mrd. EUR über PEPP hinzu.

Bis zur Reaktivierung von APP im November 2019 wurden nur noch die Fälligkeiten des 2,6 Billionen EUR schweren EZB-Anleiheportfolios reinvestiert, um die Bilanzsumme konstant zu halten. Dies waren im Gesamtjahr 2019 rund 203 Mrd. EUR, bzw. knapp 17 Mrd. EUR im Monatsdurchschnitt. An den Reinvestitionen wird weiter festgehalten.