England senkt Leitzins auf 0,10%, Pfund stürzt ab

Veröffentlicht am 24. März 2020

England senkt Leitzins auf 0,10%, Pfund stürzt ab

Die Bank of England (BoE) hat den Leitzins in zwei außerordentlichen Sitzungen um insgesamt 65 Basispunkte auf 0,10% reduziert. Es ist der niedrigste Stand seit Gründung der BoE im Jahre 1694. Das Pfund nähert sich den historischen Tiefständen.

Darüber hinaus wurde beschlossen, für 200 Mrd. Pfund Anleihen zu erwerben. Gekauft werden sollen Staatsanleihen sowie Anleihen von anlagewürdigen Unternehmen, die nicht dem Finanzsektor angehören.

Mit den beiden vorgezogenen Zinssenkungen und den Anleihekäufen soll die britische Wirtschaft vor den Auswirkungen der Corona-Pandemie geschützt werden

Etwas in den Hintergrund geraten ist der Brexit.

Freihandelsabkommen bis Ende 2020 …

Die BoE geht davon aus, dass dem geregelten Ausstieg Großbritanniens (GB) aus der EU am 31. Januar 2020 der Abschluss eines umfassenden Freihandelsabkommens zwischen GB und der EU folgt. Und zwar noch innerhalb der Ende 2020 auslaufenden Frist.

Die Verhandlungen müssten allerdings bis Oktober abgeschlossen sein, damit das Abkommen noch in diesem Jahr beschlossen werden kann.

…. oder Fristverlängerung ….

Möglich ist auch eine einmalige Fristverlängerung um zwei Jahre bis Ende 2022. Dafür müsste Großbritannien allerdings bis zum 30. Juni den entsprechenden Antrag stellen. Die Zeichen für eine Verlängerung stehen jedoch nicht gut, denn der britische Premierminister erklärte, sollte bis Juni keine grundlegende Einigung erkennbar sein, würden die Gespräche bereits im Sommer abgebrochen.

… oder “harter Brexit “durch die Hintertür”

Sollte es also bis Ende 2020 weder eine Fristverlängerung noch ein Handelsabkommen geben, kommt der harte Brexit “durch die Hintertür”. Großbritannien würde im Außenhandel ab  Januar 2021 wie ein normales WTO-Mitglied behandelt werden. Alle Sonderregelungen zwischen GB und EU entfallen.

Pfund auf Talfahrt

Das Pfund Sterling hat sich in den vergangenen Wochen spürbar abgeschwächt. Gegenüber dem Euro liegt es seit Jahresbeginn gut 9% hinten und nähert sich den historischen Tiefständen.

Die britische Währung drückt das Misstrauen gegenüber dem Krisenmanagement der britischen Regierung aus, die das Ausmaß der Corona-Schäden zunächst verharmloste und relativ spät reagierte.

Darüber hinaus spiegelt es auch die Sorgen vor einem Scheitern der Brexit-Verhandlungen wider. Weitere Einbußen sind zu erwarten, wenn sich in den kommenden Monaten tatsächlich keine Einigung auf einen Handelsvertrag abzeichnen sollte.

Fazit: Sollte sich bis zur Jahresmitte kein Freihandelsabkommen abzeichnen, dürfte der “harte Brexit” wieder auf die Agenda kommen und das Pfund Sterling weiter unter Druck setzen.  

BIP 2019: +1,4%

Das britische Bruttoinlandsprodukt (BIP) expandierte im vergangenen Jahr um 1,9%. Einem sehr starken 1. Quartal aufgrund vorgezogener Käufe wegen des eigentlich am 31. März angedachten Brexit folgte eine Schrumpfung im 2. Quartal. Die zweite Jahreshälfte verlief ähnlich: Einer deutlichen Erholung im Spätsommer folgte ein stagnierendes Schlussquartal.

BIP 2020: Schwere Corona-Rezession

Die Bank of England rechnete zu Jahresbeginn noch mit einer leichten konjunkturellen Beschleunigung und einer Wachstumsrate des BIP von 0,8%.

Diese Prognose sind Geschichte. Wegen der Corona-Pandemie wird auch das Vereinige Königreich voraussichtlich in eine schwere Rezession geraten, deren Tiefe und Länge davon abhängt, wie lange die massiven wirtschaftlichen und sozialen Einschränkungen aufrecht erhalten werden.

Insgesamt ist Großbritannien mit einem BIP von gut 2.000 Mrd. Pfund Sterling (GBP) bzw. 2.500 Mrd. US-Dollar hinter Deutschland die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Bank of England kauft Anleihen

Die Bank of England erwarb im Rahmen eines Quantitative Easing (QE) von 2009 bis 2012 Staatsanleihen im Volumen von 435 Mrd. GBP, um die Folgen der Weltwirtschaftskrise abzufedern. Zudem wurden für 10 Mrd. Pfund Unternehmensanleihen gekauft. Derzeit wird das Anleihevolumen um 200 Mrd. GBP aufgestockt, um die Folgen der Corona-Pandemie abzumildern.

Leitzins nahe Null

Die Bank of England erhöhte den Leitzins (Bank Rate) zunächst im November 2017 auf 0,50% und signalisierte ihre Bereitschaft zu weiteren Anhebungen. Allerdings ließ der nächste Zinsschritt auf sich warten, weil die Konjunkturdaten Anfang 2018 unter den Erwartungen lagen und die Inflationsrate wieder sank.

Erst Anfang August 2018 wurde der Leitzins auf 0,75% angehoben. Im Zuge der heraufziehenden Corona-Pandemie wurde er mittlerweile auf 0,10% reduziert.

Inflationsrate unter dem Zielwert

Der Preisdruck hat sich nach dem inflationären Höhenflug 2017 wieder verringert. Die Inflationsrate kletterte im Januar zwar auf 1,8%, im Jahresdurchschnitt 2019 lag sie mit 1,8% jedoch unter dem Zielwert der Bank of England von 2,0%. Im laufenden Jahr dürfte sie mit 1,6% noch etwas tiefer ausfallen.

Erst in den Jahren 2021 und 2022 werden die Teuerungsraten nach Einschätzung der BoE wieder die Zwei vor dem Komma haben. Angesichts des jüngsten Ölpreiseinbruchs könnte diese Prognose noch deutlich nach unten korrigiert werden.