Zinsforum: Alle Bundesanleihen mit negativen Renditen

Veröffentlicht am 4. Oktober 2019

Zinsforum: Alle Bundesanleihen mit negativen Renditen

 

Stand 04.10.2019

Rückblick

Der sommerliche Höhenflug der Kurse am Anleihemarkt scheint erst einmal gestoppt. Die Renditen der Staatsanleihen haben sich von ihren historischen Tiefständen gelöst, liegen aber weiterhin klar „unter Wasser”. Sämtliche Bundesanleihen bis hin zu den längsten Laufzeiten von 30 Jahren weisen unverändert negative Renditen auf. Mit anderen Worten: Mit jeder neuen Neuemission verdient das Bundesfinanzministerium Geld. Die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe, die im Sommer bei minus 0,74% ihren bisherigen Tiefpunkt fand, hat sich wieder erholt und notiert aktuell mit minus 0,60%.

In den USA tauchte die Rendite der 10-jährigen Staatsanleihe im Juli bis auf 1,43% ab. Derzeit liegt sie mit rund 1,55% deutlich unter dem unteren Rand der aktuellen Leitzinsspanne, die von 1,75% bis 2,00% reicht. Die US-Renditenstrukturkurve ist weiterhin teilweise invers, d. h., kürzere Anleihen rentierten höher als längere Laufzeiten. Die inverse Kurve dient vielen Marktbeobachtern als Vorbote einer heraufziehenden Rezession in den USA.

Ursächlich für das Ausloten neuer Renditetiefstände waren die wachsenden Sorgen vor einem weltweiten Konjunktureinbruch sowie die 180-Grad-Wende der Notenbanken in den USA und der Euro-Zone. In den USA wurde der Leitzins mittlerweile zweimal gesenkt. In der Euro-Zone beschloss die Europäische Zentralbank (EZB) im September, den Einlagesatz für Banken – besser bekannt als „Strafzins” – von minus 0,40% auf minus 0,50% zu reduzieren. Darüber hinaus werden ab November wieder monatlich Anleihen im Wert von 20 Mrd. EUR erworben.

Die Geldmarktsätze hängen unmittelbar am Einlagesatz für Banken. So hat der 3-Monatssatz die jüngste Senkung mitgemacht und liegt derzeit bei minus 0,42%.

 

Ausblick:

Die Wachstumsraten des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) nehmen ab. Aktuelle Prognosen lassen bestenfalls noch einen Zuwachs von 3% erwarten. Werte unter drei Prozent werden häufig bereits als Rezession bezeichnet. Die abnehmende Dynamik ist in allen drei großen Wirtschaftsregionen der Erde feststellbar, in Europa, in Nordamerika und auch in Asien.

Deutschland leidet zunehmend unter dem Handelskonflikt zwischen den USA und seinen „Partnern” sowie der Abschwächung in China. Das Konsumklima erwärmte sich im September zwar wieder ein wenig. Der ifo Geschäftsklimaindex hat jedoch immer noch keinen Boden gefunden und der Einkaufsmanagerindex der Industrie liegt klar im rezessiven Bereich. Im Sommerhalbjahr dürfte eine „technische” Rezession stattgefunden haben. Es ist nämlich zu befürchten, dass das BIP nicht nur im 2. Quartal, sondern auch im 3. Quartal leicht schrumpfte. Zudem scheint das gerade begonnen Schlussquartal allenfalls verhalten auszufallen. Das inländische BIP dürfte daher 2019 lediglich etwa 0,5% zulegen, in der Euro-Zone zeichnet sich ein Plus von gut 1% ab.

Der Anstieg der Verbraucherpreise verläuft weiterhin in (zu) ruhigen Bahnen. Im September lag die Euro-Inflationsrate mit 0,9% weit unter dem Zielwert der Europäischen Zentralbank, der bei „nahe, aber unter 2%” verortet ist. Auftrieb erhält der Verbraucherpreisindex tendenziell vom Anstieg der Löhne und Mieten. Gebremst wird er weiterhin von den preisdämpfenden Effekten der Digitalisierung. Und auch die Energiepreise haben sich trotz des eskalierenden Iran-Konflikts zuletzt wieder beruhigt. Unter dem Strich zeichnen sich für das Gesamtjahr 2019 in Deutschland und der Euro-Zone Inflationsraten von 1,5% ab. Die ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise berechneten Kernraten der Inflation liegen deutlich darunter. Auch im nächsten Jahr dürften die Inflationsraten unter dem Zielwert der EZB verharren.

Die klassischen Zinsauftriebskräfte sind angesichts sinkender Leitzinsen, nachlassender Wachstumsraten und niedriger Inflationsraten sehr stark geschwächt oder völlig verschwunden. Ein nennenswerter Anstieg der Renditen ist daher nicht in Sicht. Wir rechnen bei der 10-jährigen Bund-Rendite zum Jahresende mit einem Wert von minus 0,60%. Sie dürfte weiterhin klar „unter Wasser” bleiben. Und das möglicherweise noch einige Jahre.

Im Blickfeld

Politische Konflikte beenden die „goldene Dekade”

Der globale Aufschwung wird immer kraftloser, die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts nehmen ab. Die von den USA im Vorjahr begonnenen Handelsstreitigkeiten haben die Verunsicherungen wachsen lassen und leiteten die Phase der Deglobalisierung ein. Immer mehr Volkswirtschaften schotten ihren Markt durch Zölle und andere „nicht-tarifäre” Handelshemmnisse vom Welthandel ab. Die in den achtziger Jahren mit Macht einsetzende Globalisierung hat ihren Gipfel überschritten.

Damit endet auch die „Goldenen Dekade”. Dieser ungewöhnlich lange konjunkturelle Aufschwung begann nach der Finanzmarktkrise 2009. Er wurde zwar in den vergangenen Jahren durch massive Liquiditätsspritzen der Notenbanken immer wieder verlängert, scheint jetzt aber am Ende zu sein.

Der von den USA angezettelte Handelskonflikt hat dazu geführt, dass sich der Aufschwung in allen Wirtschaftsregionen der Erde verlangsamt. Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass er den USA dazu dient, den ökonomischen und politischen Vormarsch Chinas zur weltweiten Nummer Eins zu verhindern. Das US-Argument der Beseitigung „unfairer” Handelsungleichgewichte wird zunehmend bezweifelt. Bereits vor dem eskalierenden Handelskonflikt schotteten sich immer mehr Volkswirtschaften mit Zöllen und nicht-tarifären Handelshemmnissen vom freien Welthandel ab. Die industrielle Globalisierung hat zu ungeahnten Wohlstandsgewinnen geführt. Sie dürfte ihren Höhepunkt allerdings überschritten haben und scheint in eine Phase der Deglobalisierung übergegangen zu sein. Dies dürfte mit entsprechenden Wohlstandsverlusten verbunden sein.

Auch der Brexit bremst den freien Handel. Die Situation rund um den Austritt Großbritanniens aus der EU ist zwar völlig verfahren. So hat das britische Parlament beschlossen, den für Ende Oktober vorgesehenen Austritt erneut zu verschieben. Der Premierminister will dies verhindern. Die latente Sorge vor einem „harten” Brexit verunsichert jedoch weiterhin die Märkte und die Unternehmen. Dies dämpft die konjunkturellen Erwartungen und bremst letztendlich die wirtschaftliche Entwicklung.

Der vom US-Präsidenten vom Zaun gebrochene Iran-Konflikt beschränkt ebenfalls den freien Handel. Auch hier zeichnet sich keine Lösung ab. Im Gegenteil: Der Iran provoziert zunehmend die USA und setzt darauf, dass sich Trump im Präsidentschaftswahljahr 2020 keinen neuen Krieg erlauben kann. Ob das Kalkül aufgeht ist, insbesondere für den Ölpreis von immenser Bedeutung. Denn im Falle eines „heißen” Krieges im Mittleren Osten dürften die Ölnotierungen nach oben schnellen, die Weltwirtschaft belasten und die Verbraucherpreise steigen lassen.

Markttechnik

Der Bund Future näherte sich im Spätsommer der unglaublichen Marke von 180 Punkten. Anschließend korrigierte er deutlich, notiert aber immer noch mit rund 175 Zählern. Das Momentum des Bund Futures konnte sich nach einem regelrechten Absturz auf niedrigem Niveau fangen und befindet sich mittlerweile wieder in der Erholung. Die Abkühlung ist gelungen. Vor diesem Hintergrund kann der Bund Future wieder zulegen und die Bund-Rendite sinken.

Momentum

Internationale Zinsen

Alle vier bedeutenden Notenbanken der Welt haben ihre grundsätzliche Bereitschaft zu einer expansiven Geldpolitik erklärt. Einige haben die Leitzinsen bereits gesenkt.

So auch in den USA. Die Federal Funds Rate wurde im Juli und September jeweils um 25 Basispunkte ermäßigt und liegt derzeit bei 1,75% bis 2,00%. In diesem Jahr dürfte noch eine weitere Senkung erfolgen. Im nächsten Jahr rechnen wir mit maximal zwei Zinsschritten nach unten. Die Zinssenkungen wurden von der US-Notenbank „präventiv” vorgenommen, da sie befürchtet, dass sich die eskalierenden Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China negativ auf das US-Wachstum auswirken. Zudem fordert der US-Präsident vehement einen Zins „von null oder darunter”, um im Präsidentschaftswahljahr 2020 ein möglichst komfortables Umfeld für die US-Konjunktur zu schaffen.

Die Europäische Zentralbank ließ den Hauptrefinanzierungssatz bisher unverändert bei 0,00%. Dafür hat sie den Einlagesatz für Banken im September auf minus 0,5% gesenkt. Wir gehen davon aus, dass sie ihn in der ersten Jahreshälfte 2020 auf minus 0,6% reduziert. Als Begründung für die Liquiditätsflut werden weiterhin die viel zu niedrigen Inflationsraten genannt. Tatsächlich dürfte die EZB jedoch darauf abzielen, die Staatshaushalte zu entlasten, um Spielräume für eine expansive Fiskalpolitik zu schaffen.

In Großbritannien wartet die Bank of England ab, ob Großbritannien Ende Oktober tatsächlich aus der EU ausscheidet. Sollte es einen „harten” Brexit geben, also einen Ausstieg ohne vertragliche Regelungen, dürfte sie unverzüglich den Leitzins von aktuell 0,75% reduzieren.

In Japan hat die Notenbank wiederholt ihre Bereitschaft signalisiert, den leicht negativen Leitzins bei Bedarf noch weiter zu senken. Die Bank of Japan betreibt seit Jahren eine Politik der Zinskurvensteuerung. Während der Leitzins bei minus 0,1% liegt, wird die 10-jährige Rendite durch zielgerichtete An- oder Verkäufe von Staatsanleihen im Bereich von 0,0% gehalten. Sie darf allerdings um 20 Basispunkte in beide Richtungen schwanken.