Brexit: Wer sitzt am Steuer?

Veröffentlicht am 12. Juni 2019

Brexit: Wer sitzt am Steuer?

Die britische Premierministerin May hat am 7. Juni den Vorsitz der Konservativen Partei (Tories) abgegeben. Sie bleibt noch Premierministerin, bis ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin gewählt ist.

Wer wird Premier?

Das Rennen hat Mitte Juni begonnen und dürfte bis Ende Juli dauern. Insgesamt bewerben sich zehn Personen um den Parteivorsitz der Tories, der traditionell deckungsgleich ist mit dem Amt des Premierministers. Letztendlich werden die 160.000 Parteimitglieder entscheiden, wer Vorsitzende(r) wird und damit das Steuer bei der EU-Ausfahrt übernimmt.

Johnson = “harter” Brexit = schwaches Pfund

Am Markt wird der frühere Außenminister Boris Johnson als aussichtsreichster Nachfolger Mays genannt. Da er als Befürworter eines “harten Brexit” – also dem Ausstieg Großbritanniens aus der EU ohne Vertrag – gilt, hat das Pfund Sterling weiter nachgegeben.

Europawahl: EU-Gegner dominieren

Beflügelt werden die Ängste vor einem harten Brexit auch vom Erfolg der EU-Gegner bei den Europawahlen am 23. Mai. Die neu formierte Brexit-Partei errang aus dem Stand etwa ein Drittel der Stimmen. Die regierenden Konservativen und die oppositionelle Labour-Partei erlitten kräftige Verluste.

Fristverlängerung

Im April gewährte die EU Großbritannien eine Fristverlängerung bis zum 31. Oktober 2019, dem Halloween-Tag 2019. Bis dahin hat das britische Parlament Zeit, eine mehrheitsfähige Lösung für einen Austrittsvertrag mit der EU zu finden.

Brexit an Halloween?

Gibt es bis Halloween 2019 immer noch keinen Vertrag, kommt es am 1. November zum “harten Brexit”. Sollte das Unterhaus dagegen vorher einem Vertrag mit der EU zustimmen, gibt es den “weichen” Brexit. Diese Lösung favorisiert eine Mehrheit der britischen Parlamentarier.

“No Deal” schwächt das Pfund

Gleichwohl steht der “harte” Brexit bzw. “No Deal” weiter oben auf der Tagesordnung. Das Pfund Sterling spiegelt die wachsende Sorge vor einem Austritt ohne Vertrag wider und hat sich zuletzt wieder deutlich abgeschwächt. Bei einem “harten” Brexit drohen weitere Kurseinbrüche.

Werden die Tiefstwerte von 2008 getestet?

Das Pfund könnte sogar den Ende 2008 erreichten Tiefstwert testen. Seinerzeit musste für einen Euro fast ein Pfund bezahlt werden. Engagements in UK beinhalten derzeit immer noch ein erhöhtes Wechselkursrisiko.

Brexit-Hintergrund: Wie alles begann

Am 29. März 2019 wollte Großbritannien eigentlich die Europäische Union (EU) verlassen. Ursächlich ist eine Volksabstimmung im Juni 2016, bei der eine knappe Mehrheit für den Austritt aus der EU votierte, dem Brexit. Seither wurde an einer Vereinbarung über die Art der künftigen Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich (UK) und der EU gearbeitet, dem Austrittsabkommen. Dies wurde nach zähen Verhandlungen Mitte November 2018 vorgelegt. Das britische Kabinett stimmte widerwillig und um den Preis einiger Ministerrücktritte zu. Auch die Staats- und Regierungschefs der EU billigten den “Scheidungsvertrag”. Das britische Parlament lehnte ihn jedoch wiederholt ab.

“Deal” = Übergangsfrist bis Ende 2020

Sollte dem Austrittsabkommen doch noch zugestimmt werden (“Deal”) , beginnt eine Übergangsperiode bis mindestens Ende 2020. In dieser Zeit muss sich Großbritannien weiter an EU-Regeln halten und finanzielle Beiträge leisten. Dafür behält UK den Zugang zum EU-Binnenmarkt und bleibt Teil der Zollunion.

“No Deal” = “harter Brexit” 

Gibt es kein Austrittsabkommen (“No Deal”), kommt der „Hard Brexit”. UK würde aus der EU, dem Binnenmarkt und der Zollunion ausscheiden. Es gelten dann die Regeln der Welthandelsorganisation WTO, Zölle werden erhoben, Grenzkontrollen sind erforderlich.

Für den Fall eines Hard Brexit bietet die EU einen Freihandelsvertrag an, wie er mit Kanada oder Südkorea geschlossen wurde. Auch das Modell Norwegen wäre möglich. In diesem Fall würde UK im Binnenmarkt bleiben, müsste jedoch die europäischen Regeln anerkennen und jährliche Beiträge zahlen.

Weniger Wachstum

Bei einem harten Brexit wird das britische Wirtschaftswachstum gemäß einer Studie der Bank of England (BoE) in den nächsten zehn Jahren um 10,5% geringer ausfallen als bei einer fortgesetzten Mitgliedschaft in der EU.  Das Pfund dürfte der BoE zufolge weiter abwerten, die Immobilienpreise prozentual zweistellig nachgeben.

UK und Irland als Hauptverlierer

Beim britischen Ausstieg aus der EU gibt es keine Gewinner. Untersuchungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) kommen zu dem Ergebnis, dass Großbritannien und Irland die Hauptverlierer sein werden. Das Bruttoinlandsprodukt im Vereinigten Königreich werde kurzfristig um mehr als 3% einbrechen, eine zweijährige Rezession werde sich anschließen.

Das deutsche BIP könnte langfristig um etwa einen halben Prozentpunkt (Pp), das der gesamten EU um 1,5 Pp geringer ausfallen als bei einem britischen Verbleib in der EU.