England: Leitzins unverändert, starkes Wachstum

Veröffentlicht am 10. Mai 2019

England: Leitzins unverändert, starkes Wachstum

Die Bank of England (BoE) ließ den Leitzins Anfang Mai erwartungsgemäß unverändert bei 0,75%. Gleichzeitig signalisierte sie “mehr Zinserhöhungen als der Markt erwartet”, sollte bis zum 31. Oktober ein reibungsloser Brexit gelingen. Die Markterwartung lag zuvor bei einer Erhöhung bis 2021.

Starkes Wachstum im 1. Quartal

Die Zinsaussage passt zur jüngsten Wachstumsrate, denn das britische Bruttoinlandsprodukt (BIP) expandierte in den ersten drei Monaten des Jahres um beeindruckende 0,5% gegenüber dem Vorquartal. Im Vorjahresvergleich ergab sich ein Plus von 1,8%.

Wachstumstreiber waren die Unternehmen, die noch vor dem vermeintlichen Brexit-Termin am 29. März ihre Lager auffüllten, um sich gegen eine mögliche Unterbrechung der Lieferketten bei einem “harten” Brexit abzusichern. So trugen die Bruttoinvestitionen knapp 2 Prozentpunkte (Pp.) zum Wachstum bei. Der Außenbeitrag fiel dagegen extrem negativ aus und kostete mehr als 2 Pp. Vom privaten Verbrauch kam ein Wachstumsbeitrag von 0,42 PP.

Strohfeuer

Der sehr starke Jahresauftakt dürfte sich als Strohfeuer erweisen, denn der monatliche Trend zeigt nach unten. In Großbritannien werden die Wachstumsraten des BIP nicht nur jahres- und quartalsweise ermittelt, sondern auch monatlich. Gemäß Nationalem Statistikamt folgte dem Januar-Monatsplus von 0,5% ein Zuwachs von 0,2% im Februar. Im März schrumpfte das BIP im Monatsvergleich bereits um 0,1%.

BIP 2019: +1,2%

Im laufenden 2. Quartal wird mit einer leicht negativen Quartalswachstumsrate gerechnet. Gleichwohl dürfte das BIP im Vereinigten Königreich (UK) wegen des starken Jahresauftakts im Gesamtjahr 2019 mit 1,2% deutlich schneller wachsen als in Deutschland, trotz Brexit-Verunsicherungen. Im Vorjahr lag das Plus bei 1,4%.

Insgesamt ist Großbritannien mit einem BIP von gut 2.000 Mrd. Pfund Sterling (GBP) bzw. 2.500 Mrd. US-Dollar hinter Deutschland die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Bank of England gebremst durch Brexit

Die Bank of England erhöhte den Leitzins (Bank Rate) zunächst im November 2017 auf 0,50% und signalisierte ihre Bereitschaft zu weiteren Anhebungen. Allerdings ließ der nächste Zinsschritt auf sich warten, weil die Konjunkturdaten Anfang 2018 unter den Erwartungen lagen und die Inflationsrate wieder sank.

Erst Anfang August 2018  wurde der Leitzins auf 0,75% angehoben. Die nächste Erhöhung dürfte erst vorgenommen werden, wenn der Brexit zustande gekommen ist oder langfristig verschoben wird.

Derzeit gilt der 31. Oktober als spätester Brexit-Termin. Sollte es bis dahin keinen Vertrag zwischen EU und UK geben, kommt es zum “harten” Brexit. UK würde aus der EU, dem Binnenmarkt und der Zollunion ausscheiden. Es gelten dann die Regeln der Welthandelsorganisation WTO, Zölle werden erhoben, Grenzkontrollen sind erforderlich.

Anleihekäufe bis 2012

Die Bank of England erwarb im Rahmen eines Quantitative Easing (QE) von 2009  bis 2012 Anleihen im Volumen von 435 Mrd. GBP am Markt, um die Folgen der Weltwirtschaftskrise abzufedern. Mit dem Abbau dieser Bestände soll erst begonnen werden, wenn der Leitzins auf 1,50% gestiegen ist. Dies dürfte frühestens 2020 der Fall sein.

Inflationsrate im Zielbereich

Der Preisdruck hat sich nach dem inflationären Höhenflug 2017 wieder deutlich verringert. Die Inflationsrate lag im März bei 1,9% und dürfte im Jahresdurchschnitt 2019 mit 1,7% den Zielwert der Bank of England unterschreiten. Dieser liegt bei 2%. In den Jahren 2020 und 2021 werden die Teuerungsraten ihn nach Einschätzung der BoE ziemlich genau treffen.

Leistungsbilanz stark negativ

Die Staatsschuldenquote wird 2019 auf 86% des BIP und das Haushaltsdefizit auf 1,4% des BIP geschätzt. Das chronische Leistungsbilanzdefizit bleibt eine Schwachstelle im britischen Datenkranz, es dürfte 2019 auf mehr als 4% des BIP klettern.