Der Zins ist tot – Aber was kann der Anleger machen?

Veröffentlicht am 3. Mai 2019

Der Zins ist tot – Aber was kann der Anleger machen?

Euro-Anleger stehen seit Jahren vor dem Dilemma, dass Zinsanlagen – zumindest wenn sie keine größeren Risiken beinhalten – nur sehr niedrige Renditen im allenfalls knapp positiven Bereich erzielen. Seit Jahresanfang 2019 hat sich die Situation in einem freundlichen Börsenumfeld weiter verschärft. So notieren derzeit die Renditen für deutsche Bundesanleihen im gesamten Laufzeitspektrum bis 10 Jahren im negativen Bereich.

Grund ist die Erwartung, dass die Zinsen auch noch sehr lange niedrig bleiben können. Diese Thematik hatten wir in anderen Ausarbeitungen bereits behandelt (Links zu Negative Bund-Renditen 22.03.2019 und Japan, Blaupause für Europa 03.04.2019).

Eine Anlage in risikoarmen festverzinslichen Papieren oder Spareinlagen kann deshalb den Kapitalerhalt unter Berücksichtigung der allgemeinen Preissteigerungsrate nicht mehr sicherstellen.

Anleger sollten deshalb – am besten im Gespräch mit ihrem Kundenberater – sehr genau überprüfen, ob ihre eventuell vor längerer Zeit gewählte Risikoeinstellung noch dem aktuellen Stand entspricht. Häufig kann durch eine maßvolle Erhöhung des Aktienanteils eine spürbare Renditeerhöhung des Anlageportfolios erreicht werden, ohne dass das Gesamtrisiko des Portfolios im gleichen Maße zunimmt. Eine weitere Renditequelle besteht in der Akzeptanz einer geringeren Bonität. Dies sollte mit einer vernünftigen Streuung auf die verschiedenen Segmente (Unternehmensanleihen, Fremdwährungsanleihen etc.) erfolgen.

Was bleibt noch?

Vernachlässigt haben viele Anleger das Thema Laufzeit, denn in den vergangenen Jahren herrschte häufig die Angst vor steigenden Zinsen. Gerade vor dem Hintergrund, dass längere Anlagen deutlich höhere Zinsen aufweisen („positive Steilheit der Zinsstrukturkurve”) wird hier häufig eine wichtige Renditequelle außen vor gelassen.

Warum gerade jetzt?

In den vergangenen Jahren herrschte in der Euro-Zone, auch vor dem Hintergrund einer sehr dynamischen Konjunkturentwicklung und sinkender Sorgen um den Zusammenhalt des Währungsraumes, die Erwartung einer baldigen Normalisierung der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank mit der Folge wieder steigender Leitzinsen. Diese Erwartungen sind nun seit Jahresanfang deutlich zurückgegangen. Es bietet sich deshalb für Anleger an, ihre Dispositionen in Zinsanlagen in Bezug auf die Verteilung auf verschiedene Laufzeiten noch einmal kritisch neu zu überdenken.

Investoren, die nur sehr kurzfristig anlegen, verzichten auf die Prämie, die länger laufende Anleihen bieten. Hinzu kommt ein zweiter Effekt: Der Zeitablauf arbeitet bei einer steilen Zinskurve für den Anleger („Zinsstrukturkurven-Effekt”): Aus einer sechsjährigen Anleihe ist nach einem Jahr ein fünfjähriges Papier geworden. Der Renditeunterschied steht dem Anleger zur Verfügung, um gegenläufige Effekte aus einem unerwarteten Zinsanstieg abzufedern.

Renditestrukturkurve Bundesanleihen per 03.05.19:

Konkretes Beispiel: Der Anleger kauft heute eine sechsjährige Anleihe guter Bonität mit einer Rendite von 0,6 Prozent p. a. und einem Kurs von 100 Prozent. Nach einem Jahr hat er einen Kupon von 0,6 Prozent verdient und das Papier hat noch eine Restlaufzeit von fünf Jahren. Die Rendite für sechsjährige Anleihen ist (durch einen unerwarteten Zinsanstieg) auf 0,8 Prozent gestiegen. Unser Anleger verfügt aber jetzt über ein fünfjähriges Papier. Auch hier ist das Renditeniveau gestiegen, ebenfalls um 0,2 Prozentpunkte. Hier betrug das Ausgangsniveau wegen des steilen Kurvenverlaufs aber 0,4 Prozent. Mit jetzt 0,6 Prozent hat sich die Ausgangslage für den Anleger nicht verändert: Trotz wie erwartet eingetretenem Zinsanstieg wurde sein Zinsertrag von 0,6 Prozent nicht durch Kursverluste geschmälert, da die Anleihe, andere Einflussfaktoren ausgeklammert, genau auf dem erhöhten Marktniveau von 0,6 Prozent rentierend, bei 100 Prozent stehen müsste.

Damit hat der Anleger gegenüber einem Investor, der sich im kürzeren Laufzeitenbereich z. B. bei zwei Jahren mit einem Zins von 0,1 Prozent begnügt hat, einen Renditevorsprung von 0,5 Prozent herausgearbeitet.

Nun der ungünstige Fall: Die Prognose ist falsch, der Zinsanstieg fällt heftiger aus als erwartet: Der Marktzins steigt nicht um 0,2 Prozentpunkte, sondern um 0,3 Prozentpunkte. Folge: Der Marktzins für fünfjährige Papiere beträgt nach einem Jahr nicht 0,6, sondern 0,7 Prozent. Da das Papier unseres Käufers aber nur mit einem Zinsschein von 0,6 Prozent ausgestattet ist, fällt für die Restlaufzeit von fünf Jahren ein Kursverlust von (0,7- 0,6 %) x 5 = 0,5 Prozent an, d. h. die Anleihe notiert nur noch bei gut (weil Abzinsung des Couponnachteils noch zu berücksichtigen ist) 99,5 Prozent. Das Überraschende: Trotz der für den Anleger negativen Fehlprognose steht er besser da, als der Käufer des zweijährigen Papiers, der bei einer Verzinsung von nur 0,1% ebenfalls noch einen (allerdings kleineren) Kursverlust erleidet.

Der vor allem nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre nicht auszuschließende sehr positive Fall: Die Zinsen sinken weiter: Der Marktzins für entsprechende fünf- und sechsjährige Anleihen sinkt um 0,2-Prozentpunkte, so dass sechsjährige Papiere nach einem Jahr nur noch bei 0,4%, fünfjährige bei 0,3% notieren. Die Folge: Zum Zinsertrag von 0,6% kommt beim Anleger nun noch ein Kursgewinn von immerhin 1,5% (Rechnung (0,6%-0,3%)x5=1,5%), so dass seine Anlage auf Sicht von einem Jahr 2,1% (0,6%+1,5%) gebracht hat.

Fazit

Es führt im derzeitigen Umfeld kein Weg daran vorbei, begrenzte Laufzeitrisiken einzugehen, sofern das Geld nicht unmittelbar benötigt wird. Zusätzliche Renditen aus längeren Laufzeiten können in allen Segmenten von Zinsanlagen generiert werden, d. h. von Sparanlagen mit längeren Festzinsvereinbarungen über Inhaberschuldverschreibungen und andere Anleihen bis hin zu Anlagen in den Deckungsstock einer Lebensversicherung.