Kolumne: 10 Prozent Fakten, 90 Psychologie

Bernd Schimmer

Bernd Schimmer

Zwischen Wachstumseuphorie und verunsichernden Twitter-Meldungen. Bernd Schimmer verweist auf die strategische Vermögensallokation und setzt auf strukturelle Wachstumsfelder.

Droht ein Handelskrieg zwischen den USA und Europa? Diese bange Frage überschattete das Börsengeschehen in Frankfurt, Paris und Mailand. Die Wall Street hingegen erfreute sich einer – noch zu Beginn des Jahres unverhofften – Hausse. Der scheint auch heute ungebrochen. Denn US-Präsident Donald Trump verwirklicht nach und nach seine Wahlversprechen: die Senkung der Unternehmenssteuern, die enorme Erhöhung der Rüstungsausgaben und die von der Wall Street gewünschte Abkehr von wichtigen Teilen der Finanzmarktregulierung seines Vorgängers Obama. Ja, einige US-Ökonomen wagen sogar die These: Der Aufwärtstrend wird noch sehr lange andauern.

Ähnliche Wachstumseuphorie beherrscht die deutsche Wirtschaft. Die unabhängigen Forschungsinstitute erklären, die Umstände könnten kaum besser sein. So boomt der private Verbrauch: Reisen, Caravaning, neue Küchen. Der Arbeitsmarkt ist leer gefegt, Handwerk und Hotellerie suchen Auszubildende. Immobilienpreise zischen nach oben. Selbst EZB-Chef Mario Draghi lobt neuerdings das Inflationstempo. Und Finanzminister Olaf Scholz darf weiter lächeln, weil die Konjunktur ihm zusätzliche Milliarden Euro in die Kasse spült.

Doch Euphorie kann auch blind machen. Wer heute behauptet, der Boom in der US-Wirtschaft werde 2019 und 2020 fortdauern, kann in Kürze genauso falschliegen wie derjenige, der behauptet, an europäischen Börsen bleibe das Klima unbestimmt. Von John Maynard Keynes, dem einzigen Ökonomen von Rang, der selbst an der Londoner Börse ein Vermögen machte, stammt der Satz: „Das Geheimnis des Börsengeschehens liegt darin, zu erkennen, was der Durchschnittsbürger glaubt, was der Durchschnittsbürger tut.“ André Kostolany formulierte dieselbe Erkenntnis schlichter: „Die Börse reagiert zu 10 Prozent auf Fakten. Alles andere ist Psychologie.“

Jeder Ausblick in die Zukunft muss auch das psychologische Momentum berücksichtigen. Zoll- und Handelskriege sind das Letzte, was die Weltwirtschaft braucht. Aber solange Twitter-Botschaften aus dem Weißen Haus täglich für neue Beunruhigung sorgen, kann sich der intakte konjunkturelle Datenkranz nicht durchsetzen. Kann man sich nun dem normalen Zyklus der konjunkturellen Entwicklung völlig entziehen? Nein, Risiken gab und gibt es immer und die exakte Prognose der konjunkturellen Wendepunkte ist nicht möglich. Was bleibt dem Anleger? Die kurzfristigen Ereignisse zwar zur Kenntnis nehmen und zu adjustieren, aber die Leitplanken der strategischen Vermögensallokation nicht zu verlassen. Letztere ist von persönlichen Zielen und Umständen abhängig. Hier spielen Riskoeinstellung, Laufzeit, Alter, Verpflichtungen, Generationenmanagement und Vermögensübertragung die viel wichtigere Rolle.

Mein Rat: Setzen Sie bei Aktien verstärkt auf Themen, die einem strukturellen Wachstum unterliegen, und weniger auf Anlagen, die im Konjunkturzyklus stark schwanken. Für besonders interessant erachte ich Nachhaltigkeit, Technologie und Medizintechnik.